Im Frühjahr überraschte die Wirtschaftswoche (wohl im Rahmen einer vermeintlichen inhaltlichen Qualitätsoffensive) ausnahmsweise einmal mit einer guten und originellen Idee. Das Wirtschaftsblatt räumte den Gründern der Firma
Moema Espresso Republic breiten Raum für ein ausführliches Tagebuch über die eigenen Unternehmungsgründung ein.
Die Lektüre stellte sich als ungemein unterhaltsam und auch spannend heraus. An was dynamische Unternehmen, wie sie dem großen Schumpeter gefallen würden, so alles denken müssen. Der Businessplan muss ausgetüftelt werden, die Verträge zwischen den Gesellschaftern sind festzuzurren. Will man Gourmet-Espresso in Europa verkaufen, darf man sich zudem mit den Zollbehörden rumschlagen. Dann gibt es potentielle Logistikpartner, die nicht davor zurückschrecken Lagerflächen anzubieten, die offenbar bereits von Ratten heimgesucht wurden. Ganz nebenbei muss die junge Firma natürlich auch noch Kunden akquirieren, erste Messeauftritte bestreiten und Mitarbeiter überzeugen einzusteigen, auch wenn man noch nicht das ganz große Gehalt zahlen kann.
Die Lektüre ist so fesselnd, dass man sich am Ende bereits auf die nächste Ausgabe des Gründertagebuches freut. Leider gab es in der Wiwo bisher erst zwei Folgen. Hier wäre für den Leser eine höhere Frequenz sicher wünschenswert.
Für die Gründer der Firma kann die Erzeugung von öffentlicher Wahrnehmung nur nützlich sein. Die Leserschaft der Wirtschaftwoche ist ganz sicher zu großen Teilen kongruent mit der Zielgruppe der „Gourmet-Espresso-Trinker“. Zudem werden die meisten Käufer der Wiwo gegenüber mutigen Unternehmensgründern eine besondere Sympathie haben. Leider hat nicht jede Firma die Fortune in der Wirtschaftswoche ein Tagebuch führen zu dürfen!