Donnerstag, 5. Juli 2007
12:00
Was ist Akquisition?
Die Deutschen scheinen zur Suffixmutation zu neigen. Denn immer häufiger fallen mir Worte auf, die bekannt klingen, die es aber so nicht gibt: Wuchtigkeit, Mutigkeit. Bislang dachte ich ja immer, das kommt dann, wenn das Substantiv kürzer ist als das Adjektiv und der Sprecher/Schreiber aus blanker Gewöhnung/Dummheit o. Ä. an das Adjektiv eine Substantivendung klatscht, was ja häufig richtig ist, aber dann glaube ich, da es der Grund dafür reines "Wortprotzen" ist. Hauptsache, das Wort ist lang und klingt irgendwie offiziell/dramatisch/wichtig. Bloß nicht normal.

Und da mir immer häufiger auch Akquisition begegnet, allein auf XING gibt es nicht nur eine Gruppe mit diesem Begriff im Titel. Spätestens ich da dann auch die Buchstabenanordnung "Akquisation" fand, dachte ich mir: Zweifle nicht, lerne! - und schaute nach.
Bei Duden online gab's "Akquisation" nicht, "Akquisition" aber gab's:
Aber das war nicht das, was dort gemeint war. Dort ging es um Kundengewinnung. Also schaute ich auch auf Wikipedia nach und fand:
Zugegeben, es stand auch da, man möge bei Akquise nachschauen, wo dann „Akquisition“ auch als Alternative für „Akquise“ aufgeführt wird, mehr aber nicht. Der Begriff ist also schlicht Bullshit. Aber wie will man Kunden gewinnen, wenn man scheiße erzählt?
Trost fand ich bei Shakespeare:
(Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Hölle, Horatio, als eure Schulweisheit euch glauben lässt.)
Hamlet, 1. Akt, 5. Szene
Lesen Sie auch: Eine Akquise-Strategie - was braucht man dazu?

Und da mir immer häufiger auch Akquisition begegnet, allein auf XING gibt es nicht nur eine Gruppe mit diesem Begriff im Titel. Spätestens ich da dann auch die Buchstabenanordnung "Akquisation" fand, dachte ich mir: Zweifle nicht, lerne! - und schaute nach.
Bei Duden online gab's "Akquisation" nicht, "Akquisition" aber gab's:
- "Ak|qui|si|ti|on, die; -, -en [(frz. acquisition <) lat. acquisitio] (Wirtsch.): 1. Kauf, Übernahme eines Unternehmens[bereichs]. ...
Aber das war nicht das, was dort gemeint war. Dort ging es um Kundengewinnung. Also schaute ich auch auf Wikipedia nach und fand:
- Eine Akquisition kann sein:
- eine Datenerfassung
- eine Unternehmensübernahme
- ein spezielles Konzept im Rahmen der objektorientierten Programmierung
Zugegeben, es stand auch da, man möge bei Akquise nachschauen, wo dann „Akquisition“ auch als Alternative für „Akquise“ aufgeführt wird, mehr aber nicht. Der Begriff ist also schlicht Bullshit. Aber wie will man Kunden gewinnen, wenn man scheiße erzählt?
Trost fand ich bei Shakespeare:
- There are more things in heaven and earth, Horatio,
Than are dreamt of in your philosophy.
(Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Hölle, Horatio, als eure Schulweisheit euch glauben lässt.)
Hamlet, 1. Akt, 5. Szene
Lesen Sie auch: Eine Akquise-Strategie - was braucht man dazu?
Geschrieben von Heiko Walkenhorst in Meta-Marketing
18 Kommentare - 0 Trackbacks
Tags für diesen Artikel: akquise, akquisition


Kommentare
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PR-P?pstin:
naja, die Frage ist, wozu etwas Akquisition und Kundengewinnung heißen muss. Kundengewinnung allein hätte ja auch schon gereicht... Muss ja gar nicht immer chinesisch sein. Ich sag eigentlich auch lieber Öffentlichkeitsarbeit als Public Relations. Manche verstehen mich dann sogar.Andreas Nnk:
Hätte ja auch Akquisigkeit genannt sein können. Tatsächlich steht bei Wikipedia (de) aber doch: "Als Akquise bzw. Akquisition (vom Lateinischen „ad quaerere“, das sich zu „acquirere“ (erwerben) bildete) werden alle Maßnahmen der Kundengewinnung durch persönliche Verkaufsgespräche im Rahmen des Direktverkaufs bezeichnet." So steht im Duden, Bd. 5 - Fremdwörterbuch, 8. Auflage (2005) unter "Akquise": "s. Akquisition". Und dort wiederum ist "Kundenwerbung durch Vertreter" als zweite Bedeutung genannt. Zwar nicht ganz up to date, aber immerhin.Man könnte also unter Verwendung einer weiteren beliebten Sprachverhunzungsform salopp sagen: dudenmäßig alles paletti.
Gerold Braun:
Das kann gar kein Bullshit sein, weil ich mich Akquisition und Marketing Berater nenne.Andreas Nnk:
Im Deutschen müsste es aber heißen:Akquisitions- und Marketingberater
Gerold Braun:
Danke Herr Lehrer.Wortführer:
Nun, in derselben Quelle (Fremdwörter-Duden) fand sich aber auch mal die (Zweit-)Erklärung "üppig" für "frugal". Und warum? Weil es einfach nur genügend Blöde geben muss, die das Wort in dieser (an sich falschen) Bedeutung nutzen, schon passt man sich der Masse an. Das war mal Hauspolitik. Zum Glück: war! (siehe DUDEN online)Roland Kühl v.Puttkamer:
Akquisition ist als abstrakter Begriff heute dummes Zeug. Es suggeriert, dass es Instrumente gäbe, die einen einzelnen Entscheider "technisch" zum Kunden machen könnten. Einige meinen gar, in einem wachsenden Ergebnisspagat über Call-Center die Quantität oder Schlagzahl erhöhen zu müssen, andere glauben an Push-Penetration der anderen Art.Evangelistenmodus eingeschaltet
Beschäftigt euch mit Individuen, nicht mit einer Zielgruppe. Beschäftigt euch mit konkreten Cases aus einer gezielten Marktbeobachtung (man könnte auch Nachbarschaft sagen) heraus, nicht mit Quoten und Response-Statistiken. Beschäftigt euch nicht mit dem, was ihr tut, beschäftigt euch mit dem, was der konkrete Kunde um die Ecke tut. Und dann vergesst das Ziel, einen potenziellen Kunden zu gewinnen. Gewinnt den Menschen für euch. Auf Augenhöhe und persönlich.
Evangelistenmodus ausgeschaltet
derherold:
Amen.o..der wie es eine bekannte US-Immobilienkette sagt: Gott, Familie, Geschäft. In der Reihenfolge.
Hüstel Ich halte es da eher mit Strategemen und Sun-Tzu.
Gerold Braun:
akquirieren heißt "Maßnahmen ergreifen, um mehr Geschäft (Umsatz) zu machen" und ist keinesfalls dummes Zeug, wie jeder weiß, der seinen Lebensunterhalt erarbeiten muss und (wenigstens) ein klein bißchen über den Tellerrand gucken kann.Wortführer:
Hallo, Gerold,das Verb ist ja völlig OK, nur beim Substantiv, finde ich, gerät es aus den Fugen. Was dort bei XING gemeint ist, ist "Akquise". Wenn EdF EnBW kaufte, wäre das Akquisition.
Dasselbe begegnete mir auch neulich in einer Diskussion, wo man "Polarisierung" meinte, aber "Polarisation" sagte, was aber etwas ganz, ganz anderes ist. (zum Nachschlagen: http://de.wikipedia.org/wiki/Polarisation_%28Begriffskl%C3%A4rung%29)
Sagen jetzt aber genug sprachlich Unachtsame "Polarisation", dann kommt es irgendwann mal in den Duden als Alternative zu "Polarisierung", denn das Verb heißt ja in beiden Fällen "polarisieren".
Die Frage ist, warum werden die Nomen falsch genutzt? Ignoranz? Geltungssucht? Beides? Warum ist es so schwer, ein Ding so zu benennen, wie es heißt? Ich versteh das nicht ....
Roland Kühl v.Puttkamer:
@GeroldNatürlich hast Du Recht, wenn Du sagst, dass die Aufträge in den seltensten Fällen "von allein" heringeflattert kommen und man sich um sie und damit um Interessenten bemühen muss. Das wollte ich nicht in Frage stellen.
Die Frage des "wie" ist vielleicht auch eine wenig off topic in diesem thread, wo es wohl mehr um die Nomenklatur und Neologismen geht. Servus und Gruß
Roland
Frank:
Schuld ist hier wie immer heutzutage die Suchmaschinenoptimierung auf ein Keyword hin, und damit Google.Basta?
Wortführer:
Das impliziert, dass da jemand nachgedacht hätte. Dies aber ist nach dem Beitrag von GB aber ganz offensichtlich nicht der Fall. Da las einer in einem englischsprachigen Aufsatz "acquisition" und übernahm es, weil er es ja schomma hörte und man es auf deutsch so sagen kann. Eine syntaktisch-semantische Überprüfung fand nicht statt. Hauptsache schnell. Leider dumm.Gerold Braun:
Ahh, ich verstehe Heiko, dein Gefühl für Sprache ist getroffen. Mein Lieblingsbeispiel und worüber ich mich aufrege ist, wenn Leute konzeptionieren sagen, weil sie vergessen haben, dass es konzipieren heißt. Sowas muss dann raus, bevocr man an die Decke geht.Ich mach mal einen Versuch, die Sache zu erklären: Früher war streng getrennt: Akquise = Geschäftsanbahnung und Akquisition = generell Anschaffung (Schopenhauer z.B. meint: Der Hund ist die beste Akquisition des Menschen. Und da spricht er mir aus der Seele
Nun kommen die meisten Ideen im Verkauf (und damit Literatur und Begriffe = Fachsprache) aus den USA. Akquise udn Akquisition heißen auf Englisch acquisition und sind nur im Kontext zu unterscheiden, in dem sie genutzt werden. Und irgendwann hat Akquisition in der Verkäuferwelt seine Bedeutung erweitert und wird heute (im Verkauf) synoym zu Akquise benutzt. Tja, alles fließt ..
Wortführer:
Noch schlimmer: unreflektiertes Nachgeplapper! (Etwas, was Schopenhauer ebenfalls sehr verachtete"Schreibt ihr Plattheiten und Unsinn in die Welt, so viel es euch beliebt, das schadet nicht, denn es wird mit euch zu Grabe getragen; ja, schon vorher. Aber die Sprache laßt ungehudelt und unbesudelt: denn die bleibt."
(und da spricht er MIR aus der Seele)
Wow.
Gerold Braun:
Schopenhauer war halt richtig cool ..verwundert:
Schade: Der Autor dieses Beitrags gibt vor, sehr detailliert recherchiert zu haben und sehr gut Bescheid zu wissen.Leider jedoch: Das Wort "Akquise" existiert in der deutschen Sprache gar nicht. "Akquisition" hingegen bedeutet im wirtschaftlichen Kontext: Kundenwerbung.
Nachzulesen wo? Im gedruckten Duden (21. Auflage), nicht wikipedia, nicht marketing-blog.
Harry:
Hier gehts ja hitzig zu. Hätte nicht gedacht, dass ein "unschuldiges" Wort wie Akquisition so viel Staub aufwirbelt. Wie das Kind genannt wird ist aber doch eigentlich egal. Haupsache ist, aus dem Kind wird was - egal ob Akquise oder Akquisition - und es bringt tatsächlch neue KundenGruß
Harry
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