„Er verlangt ein kostenloses Mitbenutzungsrecht“,
sagte Christine Kienhöfer und konnte ihre Entrüstung
nur schwer verbergen.
Sie warf den Block mit ihren Notizen in hohem Bogen auf den Tisch und machte zwei kurze Schritte in Richtung Fenster, bevor sie sich auf dem Absatz umdrehte. „Er sagt, das Patent sei gar keines, das könne er beweisen. Irgendein Wissenschaftler hätte schon in den Achtzigern darüber geschrieben, ein Bökel oder Böker oder so.“ Sie fixierte Winfried Richter mit scharfem Blick. „Der blufft doch! Wir haben alles überprüft, das Patent wurde ordnungsgemäß erteilt.“ Der Felss-Geschäftsführer, nach dem unangenehmen Telefonat ihre erste Anlaufstelle, nahm die Brille von der Nase und rieb sich die Augen. Es war nicht das erste Mal, dass der Kontrahent zum Angriff blies, das wusste er. Die Chefin und er hatten schon oft darüber gesprochen; über das alte Mit- und Gegeneinander, über den bisweilen verbissenen Wettkampf, den es seit der Gründung beider Unternehmen vor 100 Jahren gegeben hatte. Die Gebrüder Felss stellten damals wuchtige stählerne Hämmermaschinen her, ganz wie die Konkurrenz. Beide Unternehmen hatten ihren Standort ursprünglich sogar in derselben Straße, bis Felss umgezogen war. In den siebziger Jahren wetteiferte man auf dem Markt der optischen Industrie, die ihre Brillenbügelproduktion mit Rundknettransferanlagen immer weiter nach oben trieb. Nun also ging es um das Axialformen.
Dabei waren Christine Kienhöfer und Winfried Richter sich immer einig gewesen, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Der zusätzliche Ansporn hatte Belegschaft und Geschäftsleitung stets beflügelt. Doch diesmal ging es um mehr. Mit seiner speziellen Art des Axialformens war Felss einzigartig auf dem Markt. „Der will uns die Wurst vom Teller ziehen“, dachte sich Richter. Laut sagte er: „So einfach geht das nicht, immerhin ist das Verfahren patentiert.“ Christine Kienhöfer schüttelte ungeduldig den Kopf. „Er behauptet, das Patent werde fallen. Wenn wir nicht mitmachen, will er uns verklagen“, antwortete sie und zeigte auf ihre Notizen. „Er war sich seiner Sache so sicher, dass ich nicht weiß, ob er uns nicht schon kopiert. Er hat sogar vorgeschlagen, das Patent gemeinsam nach außen zu verteidigen, solange er es mitbenutzen kann.“ Es ist eine verzwickte Situation, tatsächlich, überlegte Richter. Obwohl er sich sicher war, dass das Patent standhalten würde, befanden sie sich plötzlich in einer Position der Rechtfertigung. Dabei gab es doch überhaupt nichts zu deuteln. Oder etwa doch?
Das Patent (Trailer) Das Patent (4)