Das hier hat nichts, aber auch rein gar nichts mit meiner Erfindung zu tun!“, rief Binhack wütend und schlug mit der flachen Hand auf die vier Blätter, die auf seinem Schreibtisch verstreut lagen. Unzählige Male hatten er und der Geschäftsführer in den vergangenen eineinhalb Jahren mit rauchenden Köpfen über immer derselben wissenschaftlichen Arbeit gesessen. „Impulshydraulische Blechumformung“ stand oben auf dem ersten Papier und darunter „Von Ing. (grad.) A. Börker, Wiesbaden“. Winfried Richter pflichtete Binhack bei. Die Veröffentlichung des Herrn Börker konnte zwar auf den ersten Blick mit dem Patent in Verbindung gebracht werden, aber mehr auch nicht. Relevant konnte eigentlich nur ein einziger Satz sein. „Der Rückhub, d. h. die kurzzeitige Entlastung während der jeweils an-liegenden Frequenz, wurde über zwei Führungszylinder durchgeführt“, hieß es auf der zweiten Seite von Börkers Arbeit. „Rückhub“, das musste der Ausdruck sein, auf den die Konkurrenz ihre Behauptung stützte.
Allerdings: Auf der gegnerischen Seite schien man sich der Sache ziemlich sicher zu sein, denn mittlerweile war die Klage des Konkurrenten bei Felss eingetroffen. Recht haben und Recht bekommen waren zwei unterschiedliche Paar Schuhe, das wusste Richter. Außerdem ging es nicht nur um die Klage, die den gesamten Betrieb so aufbrachte. Es waren vielmehr die Rückmeldungen von Kunden, die den Mitarbeitern in den vergangenen Monaten immer wieder zu Ohren kamen. „Ihr habt doch gar kein Patent mehr für das Axialformen“, hieß es.
Dabei hatten die Kunden die Präzision des Verfahrens stets gelobt und auf Felss vertraut, das belegten alleine schon die Absatzzahlen der AFV-und AFH-Baureihen. Auch das große Interesse an der Aximus ließ sich gut an. Sie hatten die Neuentwicklung im April auf der Fachmesse Tube in Düsseldorf präsentiert und waren auf eine enorme Resonanz gestoßen. Ein amerikanischer Kunde hatte die elegante Anlage sogar als „the sexiest machine on the show“ bezeichnet. Kein Wunder, denn mit der Aximus hatte Felss die kühne Erfindung Binhacks auf die Spitze getrieben. Ob schlank, hohl, lang auskragend – die Maschine verzahnte Bauteile in Toleranzbereichen, von denen man zuvor nur hatte träumen können.
Doch wie sollte Felss mit einer einzigartigen Technologie für sich werben, wenn das Patent plötzlich angreifbar wäre? Richter beugte sich wieder über den Text und stützte den Kopf in die Hand. Er würde ein Team um sich sammeln und die Gegenwehr organisieren. Das Patent ohne Widerstand aufzugeben war weder sein Stil noch der des Unternehmens, so viel stand fest. In gewisser Weise konnte man sogar stolz auf die Klage sein – wozu hatte Felss die Erfindung schließlich geschützt? „Wissen ist ein Schatz, der seinen Besitzer überallhin begleitet“, pflegte Fritz Binhack zu sagen. Dieses Wissen würden sie verteidigen.
Das Patent (Trailer) Das Patent (5)