Das Patent

Es gibt keine Leichen, keinen Detektiv, es ist nun wirklich kein Chandler, keine Highsmith.
Und dennoch - kein Zweifel - für Leitung und Belegschaft der Felss GmbH, einer jener Hidden Champions im deutschen Mittelstand, muß es sich angefühlt haben wie ein Krimi, als ein Konkurent auf der Matte stand und die Mitnutzung an einem Patent einforderte.

Na klar, sowas kommt jeden Tag vor und endet meist mit dem Ausgleich überhöhter Saläre für Advokaten und der Herausgabe einer Pressemitteilung.
Bei Felss hat man aus dem Krimi einen Krimi gemacht. Gebunden, illustriert, 68 Seiten.

Die Idee dazu kam von der Stuttgarter Konzept-Agentur Dorten, die auch Konzeption, Projektleitung und die Gestaltung verantwortete.

Und nicht weil es ein Krimi, sondern weil es Marketing ist, das mal ganz anders daher kommt, gibt es "Das Patent" jetzt hier:


Das Patent


Die Lösung konnte unmöglich so einfach sein.

Binhack Haus

Fritz Binhack lehnte sich zurück und ließ den Bleistift zwischen zwei Fingern hin- und herfedern. Dann beugte er sich wieder über den Schreibtisch. „Zwei vor, eins zurück“, murmelte er. Da stand das Ergebnis, schwarz auf weiß. Jetzt kam es nur noch darauf an, die Idee in die Tat umzusetzen und zu beweisen, dass es funktionieren würde. Natürlich war es längst möglich, einem Stahlrohr für die Lenksäulen oder Antriebswellen von Autos eine Außenverzahnung zu verpassen. Aber nicht in dieser Präzision. Cha-Cha-Cha, zwei vor, eins zurück – in solch einem Takt musste das Werkzeug fahren. Nicht einfach innehalten, sondern noch einmal Luft holen, als hätte die Maschine Schluckauf. Die genaue Wegstrecke der Rückwärtsbewegung, die nötige Geschwindigkeit und die optimale Krafteinwirkung würde er bei unzähligen Versuchen schon noch herausfinden. Jetzt ging eserst mal ums Prinzip.

Fritz Binhack

Binhack legte seinen Bleistift parallel zum Papier mit den Zeichnungen und Formeln, die er notiert hatte. Es war nicht das erste Mal, dass er gerade dann, wenn sein Kopf sich mit nichts Bestimmtem beschäftigte, auf die Lösung eines Problems stieß. Gerade dann, wenn das Gehirn im Leerlauf entspannte, meistens in den ruhigen Abendstunden zu Hause oder während des Urlaubs. Seine Frau kannte den Gesichtsausdruck, der sich in solchen Momenten einstellte, die Augen, die glasig in die Ferne wanderten, den abwesenden Zug um den Mund. Jetzt aber gähnte Binhack ausgiebig. Tagwerk erledigt, dachte er sich und machte sich auf in Richtung Badezimmer. Heute würde er seine Theorie ohnehin nicht mehr belegen können.

Nebel

Als Binhack am nächsten Morgen in seinem betagten Mercedes zur Firma fuhr, lag dichter Nebel über dem Tal. Im Frühjahr und im Herbst lag um diese Uhrzeit immer Nebel über Königsbach-Stein. Binhack gefiel das. Es hatte etwas Geheimnisvolles an sich, wenn nur die dunklen Baumwipfel aus den milchigen Schleiern herausragten. Die paar Kilometer von Bretten zur Firma legte er ohnehin wie im Schlaf zurück, die Fahrt ließ ihm Zeit zum Denken. Erst am Kreisverkehr im Industriegebiet der Ortschaft Stein würde er richtig zu sich kommen, wenn das Verwaltungsgebäude und die Fabrikhallen vor ihm aufragten. Wenn er den Wagen abgestellt hatte und mit einem knappen „Grüß Gott“ an Frau Fischer vom Empfang vorbei in seinem Büro angelangt war. Heute jedoch würde er gar nicht erst hochgehen in den zweiten Stock. Vielmehr hastete er direkt zur Werkhalle 1, wo Hannes Schneider wie immer am frühen Morgen eine Tasse dampfenden Kaffees in den ölverschmierten Händen hielt und seine Morgenzigarette rauchte. Gemeinsam mit ihm wollte Binhack seine Überlegungen diskutieren. „Einer alleine ist noch keine Fabrik“, lautete der Leitspruch der Firma, den Gründer Otto Felss einst formuliert hatte und der damit so alt war wie das Unternehmen selbst. Binhack teilte diese Ansicht, selbst wenn er bisweilen gerne für sich alleine blieb, um zu experimentieren.

Schneider beugte sich gespannt über die nächtlichen Skizzen und Aufzeichnungen. „Das wär doch was“, beschwor ihn Binhack ungeduldig. „Meinen Berechnungen nach müsste sich die Kraft auf diese Weise ziemlich reduzieren lassen, die Rohre würden nicht mehr so leicht verbiegen. Und das alles mit Hilfe der kleinen, aber feinen Besonderheitder Rückwärtsbewegung!“ Binhack machte zwei kurze Cha-Cha-Schritte und rief Schneider zu: „Ich wette um eine Flasche besten Trollinger-Lemberger, dass es klappt!“ Der schmunzelte in sich hinein. Binhack gewann seine Wetten oft, und stets war es sein geliebter Trollinger-Lemberger, der zum Einsatz kam. In der Firma nannten sie ihn deshalb TL – eigentlich das Kürzel für „Technischer Leiter“, der Binhack ja war, aber eben auch die Abkürzung für seinen Lieblingswein. „In Ordnung“, sagte Schneider und schlug mit seiner ölverschmierten Hand ein. Gemeinsam begannen sie, die Details von Binhacks Aufzeichnungen zu diskutieren und zu überlegen, wie die ersten praktischen Tests und Versuche ablaufen sollten. Nach kurzer Zeit konnten sie bereits das erste viel versprechende Werkstück präsentieren.

Werkstück

„Die Vorteile liegen auf der Hand“, beteuerte Binhack.

Alle anderen können bisher nur spanabhebend arbeiten, oder sie müssen Rohre mit dicker Wandstärke nehmen. Wir nicht.“ Christine Kienhöfer drehte das Alurohr zwischen den Fingern und schaute sich die Verzahnung noch mal genau an. Auf die Ideen ihres Technischen Leiters war Verlass, das wusste sie. Schon ihr Vater hatte große Stücke auf Binhack gehalten – der Konstrukteur und Tüftler war 1971 zu Felss gestoßen, zwei Jahre, nachdem Vater Kienhöfer das Unternehmen übernommen hatte. Sie konnte sich noch gut an den Firmenkauf erinnern. Felss stand kurz vor der Liquidation, sechs Angestellte waren übrig geblieben. „Du kannst dir das Ganze ja mal anschauen, empfehlen kann ich es allerdings nicht“, hatte der zuständige Bankdirektor, ein Freund ihres Vaters, damals gesagt. Abend für Abend saßen ihre Eltern von da an beisammen und schmiedeten Pläne. „Die Rundknetmaschinen, da können wir was draus machen“, hatte ihr Vater, selbst Ingenieur, zur Mutter gesagt. Von der Idee des Unternehmertums war Ursula Kienhöfer ohnehin begeistert gewesen. Schließlich hatten die beiden 60.000 Mark für das Unternehmen auf den Tisch gelegt und sich in die Arbeit gestürzt.

Felss

Erneut strich Christine Kienhöfer mit dem Daumen über die saubere Verzahnung. „Machen Sie die nötigen Tests“, sagte sie zu Binhack. Die erste Rundknettransferanlage von Felss war auf ähnliche Weise entstanden. Damals hatte ihr Vater die Idee gehabt, und obwohl seine Überlegungen erst in den Anfängen lagen, versicherten die Kunden sofort: „Wenn ihr diese Maschine bauen könnt, kaufen wir sie.“ Der Grundstein war gelegt. Jahre später entwickelte Felss Transferanlagen, auf denen neben Rundknetstationen auch andere Verfahren wie Drehen und Verzahnen zum Einsatz kamen. Die neue Entwicklung Binhacks könnte sich nahtlos einfügen und ein nächster, wichtiger Schritt sein, das wusste die Chefin. Nicht umsonst war das Unternehmen schon längst der Spezialist fürs Rundkneten – weil Ingenieurskunst, Erfinderreichtum und neue Ideen in Königsbach-Stein stets auf offene Ohren stießen.

Die Entscheidung, Binhack zu unterstützen, war goldrichtig gewesen. Sieben Jahre lag es nun zurück, dass Felss das Verfahren zum Patent angemeldet hatte. Was in dieser Zeit alles geschehen war! Christine Kienhöfer schaute aus dem Fenster auf die dicht bewaldeten Hügel rund um Königsbach-Stein und ließ die Gedanken schweifen. So manches hatte sie verändert, seit sie das Unternehmen nach dem Tod ihres Vaters übernommen hatte. Die neue Holdingstruktur hatte sich als Erfolg erwiesen, ebenso wie die Einführung moderner Managementinstrumente. Einer der Höhepunkte der vergangenen Jahre war die Akquisition des Allgäuer Maschinenbauers Burger gewesen. Außerdem hatte das enorme Wachstum der Komponentenfertigung die Gründung und den Ausbau von Werken in Bretten und im amerikanischen Milwaukee nach sich gezogen. Ein weiteres Komponentenwerk in China war in Planung. Und schließlich Binhacks Erfindung: Sie hatte sich im Markt genauso durchgesetzt wie einst die Rundknettechnik und die Transferanlagen. „Rekursives Axialformen“ hieß die Technologie heute.

Telefonat

Mit einem Ruck setzte sich Christine Kienhöfer auf. Es gab noch genug zu tun, wenn sie abends pünktlich zum Konzert der Musikschule wollte. Gerade hatte sie die Hand nach dem Telefonhörer ausgestreckt, da klingelte der Apparat. Nicht die Nummer der Sekretärin, sondern ein Anruf aus dem Nachbarort. „Kienhöfer“, meldete sich die Chefin mit resoluter Stimme. Dann hörte sie sprachlos zu, runzelte die Stirn und zog sich einen Notizblock heran. Als ihr Gesprächspartner aufgelegt hatte, blieb sie regungslos sitzen, den Hörer in der Hand. Jetzt galt es, Ruhe zu bewahren.


„Er verlangt ein kostenloses Mitbenutzungsrecht“,
sagte Christine Kienhöfer und konnte ihre Entrüstung
nur schwer verbergen.


Felss GmbH

Sie warf den Block mit ihren Notizen in hohem Bogen auf den Tisch und machte zwei kurze Schritte in Richtung Fenster, bevor sie sich auf dem Absatz umdrehte. „Er sagt, das Patent sei gar keines, das könne er beweisen. Irgendein Wissenschaftler hätte schon in den Achtzigern darüber geschrieben, ein Bökel oder Böker oder so.“ Sie fixierte Winfried Richter mit scharfem Blick. „Der blufft doch! Wir haben alles überprüft, das Patent wurde ordnungsgemäß erteilt.“ Der Felss-Geschäftsführer, nach dem unangenehmen Telefonat ihre erste Anlaufstelle, nahm die Brille von der Nase und rieb sich die Augen. Es war nicht das erste Mal, dass der Kontrahent zum Angriff blies, das wusste er. Die Chefin und er hatten schon oft darüber gesprochen; über das alte Mit- und Gegeneinander, über den bisweilen verbissenen Wettkampf, den es seit der Gründung beider Unternehmen vor 100 Jahren gegeben hatte. Die Gebrüder Felss stellten damals wuchtige stählerne Hämmermaschinen her, ganz wie die Konkurrenz. Beide Unternehmen hatten ihren Standort ursprünglich sogar in derselben Straße, bis Felss umgezogen war. In den siebziger Jahren wetteiferte man auf dem Markt der optischen Industrie, die ihre Brillenbügelproduktion mit Rundknettransferanlagen immer weiter nach oben trieb. Nun also ging es um das Axialformen.

Dabei waren Christine Kienhöfer und Winfried Richter sich immer einig gewesen, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Der zusätzliche Ansporn hatte Belegschaft und Geschäftsleitung stets beflügelt. Doch diesmal ging es um mehr. Mit seiner speziellen Art des Axialformens war Felss einzigartig auf dem Markt. „Der will uns die Wurst vom Teller ziehen“, dachte sich Richter. Laut sagte er: „So einfach geht das nicht, immerhin ist das Verfahren patentiert.“ Christine Kienhöfer schüttelte ungeduldig den Kopf. „Er behauptet, das Patent werde fallen. Wenn wir nicht mitmachen, will er uns verklagen“, antwortete sie und zeigte auf ihre Notizen. „Er war sich seiner Sache so sicher, dass ich nicht weiß, ob er uns nicht schon kopiert. Er hat sogar vorgeschlagen, das Patent gemeinsam nach außen zu verteidigen, solange er es mitbenutzen kann.“ Es ist eine verzwickte Situation, tatsächlich, überlegte Richter. Obwohl er sich sicher war, dass das Patent standhalten würde, befanden sie sich plötzlich in einer Position der Rechtfertigung. Dabei gab es doch überhaupt nichts zu deuteln. Oder etwa doch?


Das hier hat nichts, aber auch rein gar nichts mit meiner Erfindung zu tun!“, rief Binhack wütend und schlug mit der flachen Hand auf die vier Blätter, die auf seinem Schreibtisch verstreut lagen. Unzählige Male hatten er und der Geschäftsführer in den vergangenen eineinhalb Jahren mit rauchenden Köpfen über immer derselben wissenschaftlichen Arbeit gesessen. „Impulshydraulische Blechumformung“ stand oben auf dem ersten Papier und darunter „Von Ing. (grad.) A. Börker, Wiesbaden“. Winfried Richter pflichtete Binhack bei. Die Veröffentlichung des Herrn Börker konnte zwar auf den ersten Blick mit dem Patent in Verbindung gebracht werden, aber mehr auch nicht. Relevant konnte eigentlich nur ein einziger Satz sein. „Der Rückhub, d. h. die kurzzeitige Entlastung während der jeweils an-liegenden Frequenz, wurde über zwei Führungszylinder durchgeführt“, hieß es auf der zweiten Seite von Börkers Arbeit. „Rückhub“, das musste der Ausdruck sein, auf den die Konkurrenz ihre Behauptung stützte.

Allerdings: Auf der gegnerischen Seite schien man sich der Sache ziemlich sicher zu sein, denn mittlerweile war die Klage des Konkurrenten bei Felss eingetroffen. Recht haben und Recht bekommen waren zwei unterschiedliche Paar Schuhe, das wusste Richter. Außerdem ging es nicht nur um die Klage, die den gesamten Betrieb so aufbrachte. Es waren vielmehr die Rückmeldungen von Kunden, die den Mitarbeitern in den vergangenen Monaten immer wieder zu Ohren kamen. „Ihr habt doch gar kein Patent mehr für das Axialformen“, hieß es.

Dabei hatten die Kunden die Präzision des Verfahrens stets gelobt und auf Felss vertraut, das belegten alleine schon die Absatzzahlen der AFV-und AFH-Baureihen. Auch das große Interesse an der Aximus ließ sich gut an. Sie hatten die Neuentwicklung im April auf der Fachmesse Tube in Düsseldorf präsentiert und waren auf eine enorme Resonanz gestoßen. Ein amerikanischer Kunde hatte die elegante Anlage sogar als „the sexiest machine on the show“ bezeichnet. Kein Wunder, denn mit der Aximus hatte Felss die kühne Erfindung Binhacks auf die Spitze getrieben. Ob schlank, hohl, lang auskragend – die Maschine verzahnte Bauteile in Toleranzbereichen, von denen man zuvor nur hatte träumen können.

Aximus

Doch wie sollte Felss mit einer einzigartigen Technologie für sich werben, wenn das Patent plötzlich angreifbar wäre? Richter beugte sich wieder über den Text und stützte den Kopf in die Hand. Er würde ein Team um sich sammeln und die Gegenwehr organisieren. Das Patent ohne Widerstand aufzugeben war weder sein Stil noch der des Unternehmens, so viel stand fest. In gewisser Weise konnte man sogar stolz auf die Klage sein – wozu hatte Felss die Erfindung schließlich geschützt? „Wissen ist ein Schatz, der seinen Besitzer überallhin begleitet“, pflegte Fritz Binhack zu sagen. Dieses Wissen würden sie verteidigen.

Wäre Winfried Richter von der Rechtsbeständigkeit des Patents nicht absolut überzeugt gewesen, der erste Satz des Gerichts hätte ihn verzweifeln lassen.

Nach unserer Vorbesprechung neigen wir dazu, der Klage stattzugeben. Das heißt, der Patentinhaber dürfte es sehr schwer haben, sich zu behaupten.“ Der Vorsitzende des zuständigen Senats schob einen Stapel Papiere zusammen und schaute über den Brillenrand in Richtung der Beklagten. Dort saßen sie, die sechs Leute der Felss-Mannschaft. „Kurz gesagt, das Patent wird aller Wahrscheinlichkeit nach fallen. Wollen Sie denn unter diesen Voraussetzungen nicht doch noch mal in Erwägung ziehen, Vergleichsgespräche zu führen?“ Das saß. Sie hatten gewusst, dass die Verhandlung kein Spaziergang werden würde, aber mit dieser Abfuhr gleich zu Beginn hatten sie nicht gerechnet. Winfried Richter wechselte einen kurzen Blick mit seinen Mitstreitern. „Jetzt erst recht!“, bedeutete er ihnen, indem er fast unmerklich aufmunternd mit dem Kopf nickte. Unterdessen hatte der Vorsitzende bereits den Stuhl zurückgeschoben und seine Akten unter den Arm geklemmt. „Ich möchte die Parteien bitten, sich auszutauschen. Sie haben eine halbe Stunde Zeit.“ Winfried Richter konnte förmlich spüren, wie seine Leute die Schultern hängen ließen. Dieses viel zu frühe Gegentor verhieß nichts Gutes.

Zum Glück war Binhack nicht dabei – die Einschätzung des Gerichts, dieser Nackenschlag, der das Aus für seine Erfindung bedeuten konnte, hätte ihn bestimmt gehörig in Rage gebracht. Das musste er wohl selbst geahnt haben, denn für den Tag der Verhandlung hatte er Urlaub beantragt. Es war an Winfried Richter und seinen Kollegen, die Ehre Binhacks, sein Wissen und das Patent von Felss zu verteidigen.

Gericht

Schließlich hatte der Tag so gut begonnen! Am Morgen malte die Sonne helle Streifen durch die hohen Fenster des Bundespatentgerichts in der Münchner Cincinnatistraße auf die grauen Flure, als der Gegner gemeinsam mit seinem Anwalt vor Verhandlungsbeginn die Treppe hochkam, während die Felss-Leute bereits den zweckmäßig bestuhlten Gerichtssaal erkundet und sich so gut wie möglich eingerichtet hatten. Unterlagen, Powerpointpräsentation, Materialproben – alles hatten sie im Gepäck. Und noch mehr: Nach Richters Überzeugung waren sie diejenigen, die ganz klar belegen konnten, dass Börkers Artikel für das Patent in keiner Weise von Bedeutung war. Natürlich war in dem Text von „Rückhub“ die Rede. Allerdings hatte Börker den Begriff noch im selben Satz relativiert. „Rückhub, d. h. die kurz-zeitige Entlastung …“ Hatte man erst mal den vollständigen Artikel durchdrungen, so wie Richter und seine Leute während ihrer intensiven Vorbereitung, dann erwies sich Börker für das Patent als irrelevant – auch wenn das Gericht offenbar schon zu einem anderen Schluss gekommen war.


Kostenlose Mitbenutzung“, beharrte der Gegner vor der Tür des Gerichtssaals. Winfried Richter straffte die Schultern und sah ihm fest ins Gesicht. Wenn das der Showdown sein sollte, dann bitte. Vor dem inneren Auge des Geschäftsführers tauchten wie im Schnelldurchlauf die unzähligen Gründe auf, wegen derer er das Patent bis zuletzt verteidigen würde. Die Felss-Mitarbeiter, die voller Stolz auf das Verfahren ihr Bestes gaben. Die Entwicklungsmannschaft mit ihrem leidenschaftlichen Engagement für die Aximus und die anderen Produkte. Die Jungs aus der Versuchsabteilung, die es immer aufs Neue darauf anlegten, bestehende Verfahrensgrenzen zu sprengen. Der Vertrieb, der bisher stets mit einer einzigartigen Technologie auftrumpfen konnte. Fritz Binhack, ohne den es die Erfindung nicht gegeben hätte. Und schließlich Christine Kienhöfer, die den Laden zusammenhielt. Einer alleine ist keine Fabrik, dachte Richter, und er wusste, dass sie nicht umsonst nach München gefahren waren. „Wir sind von der Rechtsbeständigkeit unseres Patents überzeugt“, sagte er leise, aber mit gefährlichem Nachdruck. „Wir sind heute hierhergekommen, um dieses Patent zu verteidigen und den Prozess zu gewinnen.“ Es würde keine außergerichtliche Einigung geben, nicht an diesem Tag, nicht in dem sonnendurchfluteten Flur des Bundespatentgerichts. Seine Mannschaft würde den Senat überzeugen.

Gespräch

Nach dem Vortrag des Gegners waren sie endlich an der Reihe, dem Gericht die Felss’sche Auffassung darzulegen.

Die Argumente reihten sich nahtlos aneinander: Börker las sich auf den ersten Blick relevant, aber es reichte eben nicht, einzelne Aussagen aus dem Gesamtzusammenhang herausgerissen zu betrachten und daraus abzuleiten, dass die Erfindung durch ihn vorweggenommen worden war. Das Gericht musste doch sehen, dass es sich in dieser Sache um den klassischen Fall von rückschauender Betrachtung in Kenntnis des Patents handelte! Schlüsselbegriffe aus dem Patent hatten zur Entdeckung einer auf den ersten Blick ähnlichen wissenschaftlichen Arbeit geführt. Was dann noch nicht ganz passte, wurde kurzerhand passend gemacht – und schon war man bei Börker.

Der vorsitzende Richter murmelte seinem Beisitzer etwas ins Ohr. Beide hatten schon zu Beginn des Vortrags von Felss aufgehorcht, der Beisitzer hatte immer präziser und differenzierter nachgehakt. Winfried Richter wusste, dass Bauchgefühl im Gerichtssaal fehl am Platz war. Doch als er seinen Kollegen einen Blick zuwarf, erkannte er, dass sie es auch so empfanden: Sie hatten das Gericht aufgerüttelt.

Schweissperlen

Ob Aufrütteln alleine reichen würde? Winfried Richter stocherte lustlos in seinem Moussaka herum. Das Gericht hatte nach dem Plädoyer von Felss beschlossen, das Mittagessen einzuläuten. „Meine Herren, die Kantine schließt in fünfzehn Minuten. Deshalb machen wir an dieser Stelle eine verlängerte Pause, in der wir über das Gehörte beraten werden“, hatte der Vorsitzende verkündet und seine Unterlagen zusammengepackt. Nun saßen sie draußen vor der Kantine des Bundespatentgerichts in der Sonne, versuchten zu essen und die anderen jeweils nicht mit der eigenen Nervosität anzustecken. Immer wieder spielten sie die eigenen Argumente und die Äußerungen des Gerichts durch. Keiner von ihnen konnte ahnen, dass sie an diesem Tag noch weitere, sehr viel zähfließendere Minuten mit zermürbender Warterei verbringen würden.

Der Vorsitzende des Senats räusperte sich. „Es ist noch nichts entschieden, aber wir können unsere Haltung vom Vormittag nicht mehr aufrecht- erhalten“, begann er nach der Mittagspause. „Ein ausführlicher, gut vorbereiteter Vortrag hat auch auf uns als Gericht eine Wirkung.“ Ob die Parteien noch etwas Wichtiges zur Beschlussfindung beizutragen hätten? Nein? „Dann schließe ich hiermit die mündliche Verhandlung. Das Gericht zieht sich zur abschließenden Beratung zurück.“

Dafür, dass Winfried Richter sonst so zurückhaltend war, schaute er nun ausgesprochen zuversichtlich drein. Auch wenn sie sich ihrer Sache noch so sicher gewesen waren, die Aussage des Gerichts am frühen Morgen hatte ihnen doch einen kurzen, aber heftigen Dämpfer verpasst. Dabei war es ganz klar: Selbst wenn das Gericht auch nur zweifelt, muss es sich schon für Felss entscheiden – in dubio pro Patent, sozusagen, überlegte er zum wiederholten Male.

Uhr

Die Mannschaft stand erneut auf dem Flur, diesmal hielt es niemanden mehr auf den Stühlen entlang der Wände. Alle waren sie gleichermaßen euphorisch und ungeduldig. Wie musste man sich eigentlich bei der Urteilsverkündung verhalten? Aufstehen? Sitzen bleiben? Eines jedenfalls war sicher: Schon bei den ersten zwei Worten des Richters würden sie wissen, wie das Urteil ausfiel. Begann er mit „Das Patent …“, war es die Niederlage, weil er mit „… wird für nichtig erklärt“ weitermachen würde. Begann er jedoch mit „Die Klage …“, würde er fortfahren „… wird zurückgewiesen.“
Eine halbe Stunde später, und die Aufregung und Euphorie der Mannschaft waren betretenem Schweigen gewichen. „Es dauert zu lange, das gefällt mir nicht“, hatte Winfried Richter bereits nach zwanzig Minuten zerknirscht angemerkt. Dreißig Minuten hatte das Gericht für die abschließende Beratung angekündigt. Es gab keinen ersichtlichen Grund, länger zu brauchen – es sei denn, die Entscheidung wäre wirklich schwer zu treffen. Dann aber konnte sie genauso gut gegen Felss fallen. Richter spürte die ganze Last der Machtlosigkeit, in diesem Moment nichts mehr unternehmen zu können.

Die allgemeine Begeisterung war verflogen. Stattdessen versuchte jeder, der eigenen Befürchtungen Herr zu werden. Wechselweise tigerten sie auf und ab, starrten aus dem Fenster, nahmen nervös etwas zu lesen in die Hand, nur um es wieder wegzulegen, tippten in ihre Handys oder marschierten zum x-ten Mal in Richtung Toilette. An Smalltalk mit den Kollegen war nicht mehr zu denken. Richter wünschte, er hätte das Moussaka nicht angerührt, das ihm so schwer im Magen lag. Vielleicht war doch alles umsonst gewesen. Eineinviertel zermürbende Stunden wurden sie nun schon auf die Folter gespannt. Als der Gong endlich ertönte und eine Männerstimme mit stark bayrischem Akzent die Parteien aufforderte, den Gerichtssaal zu betreten, fühlte er sich wie auf dem Gang zum Schafott. Die alte Juristenweisheit ging ihm nicht aus dem Sinn: „Vor Gericht und auf hoher See sind wir in Gottes Hand.“


„Wie Sie wissen, hat der Kläger zweifelsfrei nachzuweisen, dass das Patent zu Unrecht erteilt wurde“, hob der Vorsitzende an, sobald sich die Türen geschlossen hatten, und sah in die Runde.

Der Senat konnte jedoch nicht feststellen, dass der Fachmann am Anmeldetag des Streitpatents dem Aufsatz ‚Impulshydraulische Blechumformung‘ von Börker eine Vorrichtung entnommen hat, bei der eine Frequenzerzeugungseinrichtung mit der Vorschubeinrichtung derart zusammenwirkt, dass die Relativbewegung zwischen einem Werkstück und einer Verformungsmatrize abwechselnd einen Vorwärtshub in eine Richtung und einen Rückwärtshub in der dazu entgegengesetzten Richtung durchläuft.“ Er hielt inne und wandte sich an die Kontrahenten. „Es ergeht deshalb folgendes Urteil: Die Klage wird zurückgewiesen, der Kläger trägt die Kosten des Verfahrens.“

Urteil


Sechs Maßkrüge reckten sich in den bayrisch-blauen Münchner Himmel. Im Gerichtssaal hatte sich das Team zurückhalten müssen, um nicht in Fußballmanier siegreich die Fäuste zu ballen und sich gegenseitig abzuklatschen.

Biergarten

Nun saßen sie im Biergarten, die Jacketts über die Lehnen gehängt, die Krawattenknoten gelockert. Mit Frau Kienhöfer und Fritz Binhack hatte Richter bereits telefoniert, um ihnen die gute Nachricht zu überbringen. „Der Gegner wirkte nach dem Urteil ziemlich geknickt“, hatte er den beiden berichtet, „aber dass er uns zum Sieg gratuliert hat, fand ich schwer in Ordnung.“

Alle teilten sie Richters Einschätzung, dass das Patent aus der Sache gestärkt hervorgegangen war. „Es ist paradox“, fasste er zusammen, „aber unsere Technologie ist jetzt noch mehr wert als vorher. Durch die Bestätigung des Bundespatentgerichts wurde sie sozusagen geadelt. Auch wir als Team und das Unternehmen sind gestärkt aus der Sache hervorgegangen.“ Optimale Voraussetzung, wie er fand, sich wieder derZukunftsplanung bei Felss zu widmen. Schließlich gab es genug zu tun.


Christine Kienhöfer zündete sich eine Zigarette an und sah in die erwartungsvollen Gesichter ihres Cheftüftlers und ihres Geschäftsführers. „Wer sind wir heute, wo stehen wir im Jahr 2020? Ich denke, es ist an der Zeit, sich darüber wieder Gedanken zu machen.“ Gemeinsam saßen sie im Jagdzimmer ihres Elternhauses, das einst der passionierte Jäger Klaus Kienhöfer mit Trophäen geschmückt hatte. Hier waren schon viele wichtige Geschäftsabschlüsse besprochen und unzählige Kunden empfangen worden. An den holzgetäfelten Wänden hingen Bärenfelle und Hirschgeweihe, über der Kopfseite des Tisches prangte das Haupt eines gewaltigen Keilers. An kaum einem anderen Ort konnte man so passend ein Viertele Trollinger-Lemberger schlürfen und die Ideen sprudeln lassen, zumal mit Aussicht auf die selbstgemachten Maultaschen des Ehemanns von Christine Kienhöfer, der als versierter Hobbykoch die Küche unsicher machte.

Winfried Richter setzte sein Viertele-Glas ab und dachte nach. Die Ausgangssituation von Felss war denkbar gut. Fünf Unternehmen prosperierten unter dem Dach der Gruppe, aus der ursprünglich einen Handvoll Mitarbeiter waren mittlerweile fast 500 Beschäftigte geworden. Er wusste, dass Christine Kienhöfer stolz war auf ihr Team: Da gab es gut ausgebildete, hoch motivierte Nachwuchskräfte genauso wie langjährige Mitarbeiter, deren Fachwissen und Erfahrung für das Unternehmen unentbehrlich waren. Zudem arbeitete die Führungsriege effizient und souverän – mit dieser Belegschaft konnte man mutig in die Zukunft gehen. Jetzt ging es darum, diese Zukunft zu gestalten.

Felss

Abrupt riss Christine Kienhöfer ihn aus seinen Überlegungen. „Meine Herren, was schlagen Sie vor?“, fragte sie mit einem Lächeln. Darauf hatte Binhack nur gewartet. „Beim Automobil steht die nächste Phase des Leichtbaus bevor“, schwärmte er. „Und wir wissen doch, wie man Bauteile leicht macht! Das eröffnet uns unzählige Möglichkeiten!“ Die Kunden legten immer mehr Wert darauf, bei den hohen Stahlpreisen nicht auch noch eine Menge Abfall zu produzieren, erklärte er. „Wir setzen neue Maßstäbe“, warf Richter begeistert ein. „Wir halbieren den derzeitigen Einsatz von Ressourcen. Der Kunde spart, die Natur wird geschont, wir lösen eine Effizienzrevolution aus!“

Auf dem richtigen Weg waren sie schließlich schon längst: So hatte ein Großkunde aus der Automobilbranche in den vergangenen zehn Jahren mit Hilfe von Felss sage und schreibe 25.000 Tonnen Stahl eingespart, weil Antriebswellen, aber auch Kopfstützbügel und Stoßdämpferkolbenstangen durch den Einsatz der Felss’schen Technologie stabil und leicht zugleich gefertigt wurden.

Die Natur konnte für diese Art der Effizienz als meisterliche Inspiration dienen, das wusste Christine Kienhöfer. Man musste nur an die Bionik denken, bei der sich Wissenschaftler und Ingenieure an der Natur orientierten, um technische Neuerungen zu entwickeln. Da stand dieKlette Pate für den Klettverschluss; mit der imitierten Struktur derHai-Haut auf den Tragflächen senkte man bei Flugzeugen den Luft-widerstand und sparte Kerosin; Autoreifenentwickler nahmen sich Katzenpfoten zum Vorbild, um auf der Straße mehr Haftung zu erzielen.
„In der Schatztruhe der Natur liegen Millionen Produktideen und Verfahrensweisen verborgen“, fasste sie zusammen. „Wie wäre es, auch nur einen Teil dieses erstaunlichen Schatzes zu heben, indem wir uns bei der Entwicklung neuer Produkte die Errungenschaften der Evolution zum Vorbild nehmen?“ Winfried Richter begann bereits, Stichworte zu notieren. Bald häuften sich Papiere mit Notizen am Rand des großen Holztisches und es wurde Wein nachgeschenkt.

Keiler

Unterdessen schweiften Binhacks Gedanken ab. Voller Stolz ließ er die vielen Patente für die Firma Felss Revue passieren, die auf seinen Erfindungen beruhten, die zahllosen Ideen, die er jedes Mal aus dem Urlaub mitbrachte, und das eine besondere Patent, das nun so erfolgreich bestätigt worden war. Sein Blick blieb an den gewaltigen Hauern des Keilers hängen, der die Wand gegenüber zierte. Unwillkürlich musste er an ein Buch über die Gestaltprinzipien der Natur denken, das er erst neulich gelesen hatte. Das Grundprinzip war bei vielen Strukturen ähnlich einfach, aber höchst effektiv: Wo von der Belastung her eine Überbeanspruchung entstand, fügte die Natur Material hinzu. Bei einer Unterbeanspruchung wurde Material abgebaut, und zwar gleichgültig, ob es sich um eine Astgabel handelte, um die Kralle eines Schwarzbären oder um einen Wildschweinhauer.

Fritz Binhack stutzte, schob den Stuhl zurück und stand auf, um sich den Hauer des Keilers genauer anzuschauen. Vorsichtig strich er mit dem Zeigefinger über die Wölbung und befühlte das Material. Äußerst seltsam. Es konnte doch nicht … Ging das an?

Die Lösung konnte unmöglich so einfach sein.




Abspann:


Verlegt von
FELSS GmbH, Dieselstraße 2, D-75203 Königsbach-Stein
T +49(0)7232/402-0, F +49(0)7232/402-122
info@felss.de, www.felss.de

Geschäftsführung
Dipl.-Kffr. Christine Kienhöfer, Dr.-Ing. Winfried Richter
Amtsgericht Mannheim, HRB 505142

Team
Martin Hork, Georg Malsch, Katrin Roth, Daniela Wahl

Konzeption UND Projektleitung
Dorten GmbH: Julia Böker, Nina Jäger, Christian Schwarm

Gestaltung
Dorten Bauer: Jörg Bauer, Guido Negenborn

Text
Alexia Angelopoulou

Illustration
Jan Bazing

Druck
W. Kohlhammer Druckerei GmbH & Co., Augsburger Straße 722, 70329 Stuttgart

Weitere Informationen zu den Unternehmen der Felss Gruppe finden Sie unter:
www.rotaform.net und www.felss-burger.com

Herzlichen Dank an den Künstler Marcel van Eeden,
dessen Werk uns zu der Form dieses Buches inspiriert hat.
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