Karoshi, jetzt bald auch in Deutschland*

Karoshi, Tod durch Überarbeitung, Burn-Out, Depression...

Karoshi
* Anfang der 90er Jahre wurde in Japan das erste mal der "Tod durch Überarbeitung" (dort gibt es sogar ein eigenes Wort dafür: Karoshi) auch im Falle eines Selbstmordes anerkannt und, wen wundert es, alles geschah in einer Werbeagentur.

… neulich sagte jemand zu mir, er wäre ein Fan von Menschen die brennen und ich wußte genau, was er meinte, es gibt Leute die lodern mit einer inneren Energie vor sich hin und in meinem nun knapp 20 jährigen Werberleben durfte ich einigen begegnen. Nun ist es aber auch so, dass die Flamme ihre Nahrung frißt und so beobachte ich in zunehmendem Maße die negativen Seiten der brennenden Werber, die sich den Motten gleich in die Insektenlampe werfen und mit einem, mal größeren, mal kleineren "brrrzzz" verglühen.

Es macht den Eindruck, als würden die Entlassungswellen, die am Anfang dieses Jahrtausends durch die Agenturen rollten ihren Tribut fordern. War man anfangs noch in der Lage die Jobs mit den Verbliebenen auf zu fangen (wenn der Kunde eine Idee nicht mag, dann habe ich eben noch eine andere und dann noch eine und noch eine, denn Ideen, das mache ich beruflich), scheint die Leistungsgrenze nun langsam erreicht.

Damals konnten wir den lieben langen Tag in der Agentur sitzen und uns Sachen ausdenken, Bilder malen, Gala, Bunte, Max lesen, Fotos anschauen, Musik hören, uns gegenseitig Geschichten erzählen, Joghurt essen, Püree kochen, Autos probefahren, Berater verärgern, immer erst nach dem Etatdirektor und dem Kunden die Bar verlassen und dann gab es da auch noch jemanden der uns dafür Geld gab, juhu, wir wurden fürs spielen bezahlt! Wir schossen uns in 5 Wochen einmal um die Welt, alles hätte so schön sein können und dann wurden wir immer weniger.

Budgets die früher von 10 Leuten bewegt wurden, wurden nur noch von 5 betreut. Planning hielt Einzug in unseren Alltag (mit immer obskureren Insights), Traffic optimierte unsere Auslastung, DTP übernahm das Layout, damit man schneller neue Ideen machen kann. Workshops, Hothouses, Thinktanks, Projectrooms, Mind-Maps, FightClubs und wie sie alle heißen. Tool um Tool wurde implementiert um schneller das Leuchten von Ideen aus den Kreativen zu kitzeln. Plötzlich mussten wir so viel spielen, dass es uns zu den Ohren heraus kam. Manchmal wollte man einfach nur schlafen. Das Leben rationalisierte sich weg um Platz für Schlaf zu haben. Geliebte Freizeitbeschäftigungen (an sich schon etwas verwerfliches für Werber, es sei denn man geht ins Kino um mehr über Film zu lernen) wurden nach und nach weg rationalisiert. Aber der Beruf machte immer noch genug Spaß um auch ohne Privatleben glücklich sein zu können.
Eine Art Stockholmsyndrom für Überstunden.

Anfangs hatte ich einen Ziehvater, einen streitbare, wundervollen Irren der mir immer das Gefühl gab, ich darf Fehler machen, solange ich nur bescheid gebe, wenn es droht in die Fritten zu gehen, der mir Sachen beibrachte, der auch Spaß an Ideen hatte, der mir den Kopf wusch, wenn ich einen Idioten aus mir machte. Wir waren eine große glückliche Werberfamilie, ein kreativer Streichelzoo. Dann trennte man mich von meinem Partner, so kann man mehr Etats betreuen. Dann verschwand der Ziehvater und wir standen allein auf weiter Flur, mussten alles alleine können, musste immer wieder aufs neue den neuen Menschen beweisen, dass wir wissen was wir tun. Ich zerfleischte mich damit, meiner eigenen Vorstellung vom idealen CD gerecht zu werden, andere griffen zu aufputschenden Substanzen, die auch bei der Tour de France dazu führten, dass Menschen tot vom Rad vielen. Geschäftsführer wechselten mit den Jahreszeiten, Ziehväter, die einen seit 5 Jahren kannten und pflegten gab es nicht mehr, denn das Personalkarussell drehte sich viel zu schnell. Die Kundenberater verloren immer mehr an Selbstvertrauen, die Planner nahmen ihnen das Denken ab, die Marktforschung das Beobachten und die Kreativen verstanden sie schon lange nicht mehr. (Ich kenne genau 3 großartige, brennende Kundenberater, ich freue mich mit ihnen mal gearbeitet zu haben, aber auch um die mache ich mir Sorgen.)

3 Jahre ist es noch halbwegs gut gegangen, aber nun häuft es sich. Ein langjähriger Kollege, der die offizielle Kostenübernahme seiner Krankenkasse vorweisen konnte, dass ein Aufenthalt in einer Burn-Out Klinik nun das Mittel der Wahl sei, bekam von seiner Agentur mitgeteilt, dass es im Moment gerade sehr ungünstig käme, wo man doch noch so viele Pitches vor der Tür hat. Klinikaufenthalte werden verkürzt und wer in den 90ern früher aus dem Urlaub geholt wurde, wird heute früher aus dem Burn-Out zurückbeordert. In einem anderen Fall war jemand ein halbes Jahr in der Klinik, ebenfalls Burn-Out, im Anschluss blieb aber keine Zeit, neben dem Job noch das Coaching zu machen und nun warten wir auf das nächste Brennen. Knapp 30-jährige fallen mit Herzversagen im Meeting um und überleben nur mit Glück. Gelegentlich soll das Koma helfen zu vergessen, wie und wo es soweit gekommen ist. Jetzt lernte ich eine neue Form kennen, die Burn-Out-Depression … ist auch nicht schön mit an zu sehen. Tinnitus und Bandscheibenvorfall scheinen neuerdings ähnlich ansteckend zu sein, wie früher eine Magen-Darmgrippe.
Herzrythmus-Störungen sind längst bei den 25-35 jährigen angekommen. Und das Problem, was sich abzeichnet ist, dass man, wenn man es geschafft hat aus solcher Krise wieder hervor zu kommen, leider nie wieder so zurück kann, in den geliebten Beruf, wie man ihn verlassen hat.

Also beobachte ich seit einiger Zeit all die tollen, brennenden Menschen um mich herum misstrauisch, ob auch bei ihnen schon die ersten Rauchwölkchen aus den Ohren steigen … und bin mir nicht mehr so sicher ob ich brennende Menschen immer noch so toll finde, oder mir lieber Sorgen um sie mache.


Karoshi und der Tod durch Überarbeitung sind die Themen unseres Gastbloggers. Aber wer über Karoshi schreibt und gleichzeitig in einer Werbeagentur arbeitet bleibt lieber anonym.


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