Das beste Briefing der Welt

Vergangene Woche hatte ich hatte die große Ehre und Freude, vier Tage an Bord des Passagier-Kreuzfahrtschiffes MSC Fantasia zu verbringen – im Yacht-Club, vulgo: 1. Klasse.

Ich war nicht der einzige. Fast ein Dutzend Journalisten folgten der Einladung der Reederei und sie taten es gerne. Wozu? Zu Recht! Denn wann sonst kommt man so sehr in den Genuss von Luxus, guter Kost und eigenem Jacuzzi? Zuhause gewiss nicht. Und auch im selbstbezahlten Urlaub dürfte das nicht gerade der gewohnte Standard sein.

Die Damen wie die Herren ließen es sich gut gehen. Von letzteren wählten auch alle bis auf zwei bei der ebenfalls im Kennenlern-Paket enthaltene Spa-Behandlung die 4-Hände-Massage. Ja, wann wird man als Mann mal wohlwollend von zwei Frau berührt? Kostenlos? Und auch die Frauen genossen ihre Shiatsu-Massagen, den 24-Stunden-Butler-Service.

Was für ein Aufwand. Und wofür? Eine Doppelseite in einer Zeitung, ein 5-Minüter in einem Fernsehbeitrag, eine Erwähnung in einem Fachartikel oder Fachbuch, auf deren Inhalt die Reederei faktisch keinen Einfluss hat, wenngleich es natürlich unwahrscheinlich ist, dass man über diese Tage bei dem Service überhaupt etwas Schlechtes sagen würde?

Man kennt das ja auch von Auto-Tests, wo dann schon mal bei einem Maybach moniert wird, dass der Verbrauch etwas hoch sei. Ach ... wenn es sonst nichts ist ...
Gewiss ist dies nicht soooo üblich für alle Journalisten, aber solche „Pressereisen“ sind dann doch üblicher als „Agenturreisen“. Leider – und leider gibt es dafür auch einen guten Grund: der Journalist kommt den Auftrag-, äh: Gastgeber günstiger als seine Werbeagentur. Letztere muss er bezahlen, erste kann er einladen. Das erinnert an Winzerfeste, wo ein Glas Schorle teurer ist als ein Glas Wein. Der Grund ist auch hier einfach: Das Wasser muss der Winzer selbst zahlen.

Die einzige „Gefahr“: Der Journalist ist frei, das zu schreiben, was er will. Auf sein Werk hat man keinen direkten Einfluss, aber indirekt lässt sich da einiges machen.

Und ist es Bestechung jemandem zu zeigen, wie es ist? Nein. Wäre der Journalist kritischer, wenn er hierfür selbst zahlen müsste? Wohl kaum, denn welcher Journalist würde das wirklich selbst zahlen? Er handelt also ohnehin immer in jemandes Auftrag und bei aller Freiheit der Presse gilt letztlich dann auch hier: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“

Und was hätte er davon, als „Mystery Cruiser“ zu reisen, um das dann in den einschlägigen Skandalmedienumfelden zu platzieren? Ein solches Vorgehen wäre ja mindestens ebenso so einäugig, da hierbei ja das Ziel der Skandal sein muss. Objektiv ist also nichts.

Als Werber hat man es da einfacher: Man muss mich nicht um Objektivität mühen, Neutralität heucheln, man kann immerhin so offen und ehrlich sein zu sagen: Ja, ich bin Partei! – Immerhin das haben wir mit Rechtsanwälten gemeinsam: Wir vertreten legitime Interessen Dritter.

Vertritt die Journaille die Interessen der Öffentlichkeit? Wird ja gerne in Filmen so dargestellt. Ist dem so? Nö, was allein aber nichts mit dem Ethos zu tun hat, den sich so manche Dame und so mancher Herr dieser Branche auf die Fahnen schreibt, sondern schlicht dem Umstand, dass es DIE Öffentlichkeit nicht gibt. Es gibt nur Menschen mit Interessen - und wenn von denen dann auch noch einer ein finanzielles Interesse an einer Meinung hat, dann hat es sich ganz schnell mit Freiheit, Ethos etc.

Zurück an Bord. Und wessen Interesse es ist, es sich gut gehen zu lassen, der liegt im Yacht-Club richtig: eigenes Deck mit eigenen Whirlpools, eigener Bar, alles gut. Und auch auf den anderen rund ein Dutzend Decks auf über 300 Metern wird den Leuten alles Erdenkliche an Amusement geboten: x Restaurants, Musik, Sports-Bar, Disco, Fitness-Raum, Schwimmbäder, aber halt auch Ruhe in den Kabinen, in denen man nicht nur liegen, sondern auch gehen kann. Und wer sich setzen will, kann das natürlich auch tun – die allermeisten Zimmer haben einen Balkon.

Schon sehr schön. Und das muss man einfach erlebt haben, wenn man darüber berichten will. Von daher ist dies also nur richtig, wie MSC Cruises die Journalisten hier behandelt (sagen die einen, "verwöhnt" wäre richtiger). Schließlich sind sie Multiplikatoren.

Das aber sind Werber auch. Es ist also schon seltsam, dass manche Unternehmen Journalisten eben so informieren und ihre Kreativen mit Verweisen auf die längst überholte Unternehmensseite im Internet abspeisen. Liegt das wirklich nur daran, dass Journalisten billiger sind als Agenturmenschen?

Es gibt aber natürlich auch Auftraggeber von Werbeagenturen, die großen Wert darauf legen, dass ihr Team in der Agentur weiß, um welches Produkt es sich handelt, wie es gemacht wird, wie es sich anfühlt, riecht und schmeckt. McDonald’s, zum Beispiel, ist so ein Kunde. Auch für Renault hatte ich schon die Chance, auf einer Teststrecke einen Wagen vor seiner Einführung zu fahren. Aber für den Nervenkitzel war hier keine Balinesin zuständig, sondern ich selbst. 200km/h freihändig in die Steilkurve, das hatte auch was. Aber wenn ich die Wahl hätte, ich würde lieber wieder 20 Knoten fahren.

Wenn also wer in Zukunft mit der kreativen Leistung seiner Agentur nicht so ganz zufrieden ist, sollte sich vielleicht mal überlegen, ob das Briefing stimmt: Scheiß Input = Scheiß Output. So einfach ist das. Sollte aber trotz top Input der Output scheiße sein, so ist das auch einfach: Agentur wechseln.

Ich erwarte Ihr synästhetisches Briefing. (Ich will da noch mal hin - länger)

:-)
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