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Wahrnehmungs-Evolution via Technologie-Revolution?

Ausschnitt eines Friendfeed-Streams

Es ist schon ein paar Wochen her, aber ich habe die Bilder eintätowiert auf meiner Hirnrinde: Fünf Menschen werden der „Hexerei“ beschuldigt und öffentlich lebendig verbrannt. In einem kenianischen Dorf. Heute.

Es brennt nicht lichterloh, sondern es glüht eher in einer flachen Erdrinne. So dass zwei Männer den in der Grube zuckenden Leibern korrigierende Knüppelschläge verabreichen können, wenn diese versuchen, sich aus der Glut zu bewegen, sich aufrichten wollen oder so ungünstig zusammensacken, dass Flammen erstickt werden könnten. Mit Fußtritten werden die alten, ausgemergelten Männer und Frauen wie lebende Holzscheite immer wieder zurechtgerückt.

Diesen – ich glaube - knapp fünfminütigen Clip konnte man an diversen Stellen im Netz sehen, teilweise im Autostart. Ich kann mir schwer vorstellen, dass ihn wirklich jemand bis zum Ende angesehen hat. Es war nicht zu ertragen. Ich habe nie zuvor etwas ähnlich Verstörendes gesehen. Tage- und nächtelang kamen die Szenen immer wieder hoch.

Der mitgefilmte Tod einer jungen Frau in Teheran, der seit vorgestern kursiert und es auch in diverse Nachrichtensendungen geschafft hat, hat einen sehr ähnlichen Effekt: Disturbing.

Man kann noch so viele Horrorfilme gesehen haben. Unser Gehirn verarbeitet fiction und non-fiction eben verschieden. Und die Medien-Evolution, die sich in der aktuellen Situation im Iran gerade als so unschätzbar wertvoll erweist, hat eben auch zur Folge, dass wir immer öfter mit ungewohnt explizitem Material konfrontiert werden. Und zwar dank Lifestream-Technologie häufig ohne dass wir uns dagegen wehren können. Bei Friendfeed fliegen z.B. Twitpics gleich als Vorschau vorbei. Und schon fällt einem das Essen aus dem Hals.

Ich möchte nicht über Pro und Contra solcher Filme und Bilder schreiben. Es geht mir hier um die Frage, wie sich unsere Wahrnehmung und Informationsverarbeitung aufgrund dieser Entwicklung ändern wird. Bekanntermaßen wird auf Schulhöfen reger Tauschhandel via Handy mit grausamsten Schockvideos betrieben. Selbstmorde können am Computer live mitverfolgt werden. Usw.

Im Gehirn wird Wahrgenommenes zuerst auf „schon mal dagewesen“ oder „neuneuneu!“ geprüft. Die folgende Generation wird demnach sicherlich schon ganz anders mit - für uns noch - schockierenden Clips umgehen. Die Frage ist: Geht es lediglich um Abstumpfung oder wird sich die menschliche Perception vielleicht grundsätzlich anders entwickeln? Das liegt doch nahe.

Wir müssen uns einmal vor Augen führen, dass das, was wir zum Beispiel an Werbefilmchen präsentiert bekommen, immer absurder und surrealer wird. Während z.B. Nachrichten immer realer daher kommen. Dass sich die Wirkung medialer Inhalte verändern wird, ist unausweichlich. Da dürfen sich die Neuromarketer schon mal mit befassen. Denn die Hirnströme eines heutigen Jugendlichen, den man vielleicht in zehn Jahren manipulieren will, sind kaum mit denen eines heutigen End-Twens zu vergleichen. In dem Fall greift man vielleicht besser auf die Hirnscans einer Kriegsgeneration zurück?

Marketing-Weisheiten werden sich dann ebenso schnell und drastisch überholen wie die Technologie-Entwicklung.
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Kommentare

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Christian:

Den Hexenverbrennungs-Videoclip habe ich auch immer noch im Hinterkopf - der war wirklich extrem verstörend... Den anderen habe ich (zum Glück) noch nicht gesehen und habe es auch nicht vor. Auf der einen Seite ist es zwar wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, was Menschen anderen Menschen antun, auf der anderen Seite ist die Grenze zum medialen Katastrophentourismus doch ziemlich dünn...
11:18

Esther Rudolph:

Leider ja. Und genau das wird mit hoher Wahrscheinlichkeit über kurz oder lang eine totale Entwertung der "Information" mit sich bringen.
11:37

Felix:

Der große Vorteil dabei ist aber, dass immer weniger im Verborgenen geschehen kann, auch was Aktivitäten hinterwäldlerischer religiöser Fundamentalisten oder politischer Akteure angeht. Wenn die Gefahr besteht, dass eine Handycam mitläuft, werden sich gewisse Personen vielleicht eher zurückhalten. Vielleicht ist das aber auch nur eine naive Hoffnung und die wirklich krassen Sachen werden dann eben noch versteckter durchgeführt...
14:06

Esther Rudolph:

Ich habe ehrlich gesagt auch so ein wenig Bedenken, dass es mancherorts - analog zu den Bücherverbrennungen nach der Buchdruckrevolution damals - verstärkt Zensurversuche geben wird. Argumentiert wird dann mit wahrscheinlich mit der Brutalität der Darstellungen oder Verletzung der Persönlichkeitsrechte von Opfern etc. Da kommt sicher noch einiges auf uns zu.
14:18

lime:

auf jeden fall eine interessante frage. aber ist es nicht umgekehrt? erst die letzten zwei, drei generationen sind doch so wohlbehütet und von allem schrecken fern erzogen worden. und auch das nur in der ersten welt.
davor wurden die menschen allerorts schon in frühester kindheit mit krankheit und tod konfrontiert - erst wir haben verlernt, damit umzugehen, denn zum glück haben wir ja heute gut funktionierende gesundheitssyste und rechtssyste und müssen das alles als durchschnittsbürger einer "entwickelten" gesellschaft nicht mitansehen. und wie reagieren wir darauf? wir erfinden abartige horrorfilme und brutalste computerspiele, denn scheinbar fehlt uns sonst dieser aspekt des lebens. irgendwie seltsam.
15:06

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