Sonntag, 7. März 2010
12:46
Ich seh shöppen
Teleshopping und Infomercials (letztere vor allem dank Digital Signage everywhere) werden auch im deutschsprachigen Raum geradezu inflationär. Und sie sind sehr erfolgreich (in Deutschland werden 1,6 Milliarden € Umsatz für 2010 prognostiziert). Was zunächst erstaunlich scheint, wenn man sich die Qualität der Präsentationen ansieht. Deshalb wollte ich mir das Ganze mal aus Neuromarketing-Sicht anschauen. Leider sind Brainscans von Infomercials (noch) nirgends öffentlich zugänglich. Man kann sich also nur bekannter Muster bedienen.
Anfangs hielt ich die Sendezeit für einen entscheidenden Faktor. Das ist aber insofern irrelevant, als Infomercials in ihrer Heimat USA längst auch zu ganz normalen Zeiten gesendet werden (Sendezeit wird ja immer billiger). Es liegt also nicht am müden bis apathischen Gehirnstatus oder dem verzweifelten Grundgemütszustand schlafloser Zuschauer.
Es ist allerdings aus den Brainscans normaler Werbeclips ersichtlich, dass möglichst absurde bzw. skurrile Darstellungen die Hypophyse brennen lassen.

Entsprechend haben Infomercials fast immer eine schräge Note. Und diese ist nur dem Anschein nach unfreiwillig. Vielmehr kann man in vielen Teleshoppingsendungen Parallelen zu viralen Clips entdecken. Sehen wir uns Fit-und-Schlank Zaubergeräte wie den Hawaiistuhl ("takes the work out of the workday") an. Oder noch besser: den pompöösen Harald Glööckler ("komm, wir müssen sprühen!").
Der ist auch ein Paradebeispiel für eine weitere wichtige Taktik: das "an-die-Wand-Quatschen". Präsenter wie Glööckler überfahren ihre Zuschauer mit Worten, setzen sie regelrecht unter Druck durch ein Stakkato aus Superlativen, gepaart mit drastischen Bildern (siehe z.B. die Make-up-Wundermittel-Vorher-Nachher-Gruselkabinette).
Dann wird dieser Druck durch die Anzeige des schwindenden Lagerbestands und anhaltendem Telefonklingeln im Hintergrund - purer Stress! – auf die Spitze getrieben. Man kann das prima nachvollziehen, wenn man mal nicht hinsieht, sondern eine Weile nur den Ton verfolgt. Das ist unerträglich!
Der angeblich unschlagbare Preis, oft gepaart mit einem kostenlosen Zusatz-Trashprodukt, macht dann den Kauf zur unüberlegten, aber süßen Flucht aus diesem von Euphorie und Panik gleichermaßen bestimmten Gefühlszustand. Ja, Flucht, es ist reiner Überlebensinstinkt.
Nicht umsonst werden die bekanntesten Infomercials bei Infomercial Hell (http://www.infomercial-hell.com/blog/) gesammelt…
Passend dazu ein Zitat von Walter Freiwald, Direktor Moderation bei RTL Shop, der seinen Job liebt, weil es "so schön menschelt".
Anfangs hielt ich die Sendezeit für einen entscheidenden Faktor. Das ist aber insofern irrelevant, als Infomercials in ihrer Heimat USA längst auch zu ganz normalen Zeiten gesendet werden (Sendezeit wird ja immer billiger). Es liegt also nicht am müden bis apathischen Gehirnstatus oder dem verzweifelten Grundgemütszustand schlafloser Zuschauer.
Es ist allerdings aus den Brainscans normaler Werbeclips ersichtlich, dass möglichst absurde bzw. skurrile Darstellungen die Hypophyse brennen lassen.

Entsprechend haben Infomercials fast immer eine schräge Note. Und diese ist nur dem Anschein nach unfreiwillig. Vielmehr kann man in vielen Teleshoppingsendungen Parallelen zu viralen Clips entdecken. Sehen wir uns Fit-und-Schlank Zaubergeräte wie den Hawaiistuhl ("takes the work out of the workday") an. Oder noch besser: den pompöösen Harald Glööckler ("komm, wir müssen sprühen!").
Der ist auch ein Paradebeispiel für eine weitere wichtige Taktik: das "an-die-Wand-Quatschen". Präsenter wie Glööckler überfahren ihre Zuschauer mit Worten, setzen sie regelrecht unter Druck durch ein Stakkato aus Superlativen, gepaart mit drastischen Bildern (siehe z.B. die Make-up-Wundermittel-Vorher-Nachher-Gruselkabinette).
Dann wird dieser Druck durch die Anzeige des schwindenden Lagerbestands und anhaltendem Telefonklingeln im Hintergrund - purer Stress! – auf die Spitze getrieben. Man kann das prima nachvollziehen, wenn man mal nicht hinsieht, sondern eine Weile nur den Ton verfolgt. Das ist unerträglich!
Der angeblich unschlagbare Preis, oft gepaart mit einem kostenlosen Zusatz-Trashprodukt, macht dann den Kauf zur unüberlegten, aber süßen Flucht aus diesem von Euphorie und Panik gleichermaßen bestimmten Gefühlszustand. Ja, Flucht, es ist reiner Überlebensinstinkt.
Nicht umsonst werden die bekanntesten Infomercials bei Infomercial Hell (http://www.infomercial-hell.com/blog/) gesammelt…
Passend dazu ein Zitat von Walter Freiwald, Direktor Moderation bei RTL Shop, der seinen Job liebt, weil es "so schön menschelt".
Geschrieben von Esther Rudolph in Neuromarketing
9 Kommentare - 2 Trackbacks


Kommentare
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Frank:
"An die Wand quatschen". Da gibt es aber noch mehr Marketingdisziplinen...Esther:
Passen ja leider nicht alle in einen einzelnen Beitrag.Frank:
Fühlte mich halt irgendwie angesprochen...Esther:
Ich hab ein völlig falsches Bild von Dir.- Aber jetzt, wo Du es sagst sehe ich auch Parallelen zu Herrn Glööckner.
Frank:
Da möcht ich sagen: Das ehrt mich.Esther:
(Jetzt passt doch wieder alles ins Bild)Ragazzi Group:
Ich habe mich mal in einer Hausarbeit ausführlich mit dem Thema Neuromarketing außeinandergestzt. Das wird auch sicher mehr und mehr ein großes Thema werden. Jedoch habe ich meine Zweifel inwiefern die Techniken bewußt von werbenden eingestzt werden können. Zumindest ist der Nachweiß recht schwierig und hängt von sehr vielen Faktoren ab. Mich bringen diese Shopingsendungen einfach nur dazu wegzuschalten... Das ist meine FluchtEsther:
An der Hausarbeit wäre ich interessiert - kann man die irgendwo lesen?Gordian Hense:
Hi,ist schon jemandem aufgefallen, dass bereits bei ganz normalen Soaps und auch bei Actionfilmen Neuromarketing angewendet wird? Nur damit die Zuschauer "Aufmerksamkeit" bekommen? In US-Haushalen laufen zu 80 % die Fernseher nebenbei (dabei muss ich gerade an den schönen Film "Kopfüber in die Nacht" denken in dem in einem Apartment mindestens 10 Fernseher laufen, während sich Agenten gegenseitig abmurksen) - da muss schon eine Soap auf sich aufmerksam machen. Also werden ganz einfache Methoden aus dem neuronalen Bereich angewendet. Hinterlegung der Filme mit Musik schafft ein Grundrauschen in dem man dann Klingeltöne, Autohupen oder Polizeisirene etc. einbauen kann, immer an Stellen an denen man meint der Zuschauer müsste aus seinem lethargischen Alltag gerissen und wieder zur Vernunft, ähh zum Zuschauen ermuntert werden. In den USA vermutlich immer kurz vor einer Werbepause. Da wir alle trainiert sind auf bestimmte Geräusche entsprechend zu reagieren, werden diese unterschwellig in das Grundrauschen eingebaut. Und wir reagieren. Ob wir wollen oder nicht. Da die meisten Soaps und Serien aus den USA kommen und dort die Resistenz gegen diesen Neuro-Angriff schon stärker ist, fallen diese Methoden, zumindest bei meinem, noch dagegen sensiblen Nerven-Netz, besonders auf. Kürzlich musste ich echt den Ton einer Sendung abschalten, da ich das Gefühl hatte, diese Neuro-Angriffe nahmen überhand. Ein vollkommen sinnfremder Schwall an Geräuschen auf Plattform sirenenartiger, angeblich klassischer Musik malträtierte meine Sinnesorgane so, dass ich den Knopf bediente und den Ton abschaltete. Aber nein, jetzt fällts mir ein und auf, es war kein US-Western oder Thriller, es war der letzte Tatort "Tod auf dem Rhein" http://www.daserste.de/tatort/sendung.asp?datum=28.02.2010 - wie doof ist das denn? Aber zurück zum Thema. Wer sich dieser Neuro-Angriffe bewusst wird, kann bald nicht mehr Fernsehen schauen, weil er sich ständig dabei ertappt zu überlegen, war das nun mein Telefon oder im Fernsehen, klingelts bei mir oder im Film? Irgendwie empfinde ich das als Angriff auf die Intelligenz, denn man muss sich schon eine gehörige Portion Stumpfsinn ansaufen um diese Neuro-Angriffe abgleiten zu lassen. Finde ich jedenfalls.
A liabs Grüssli us de Schwiez
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