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Was ist eigentlich ... Work-Life-Balance?

In unserer kleinen Reihe kümmern wir uns heute um die Serviceneger. Oh pardon, darf man das überhaupt sagen? Drängt sich aber auf, denn diesmal geht es im Grunde um Sklaverei – nur finden diese halt, zumindest in unseren Breiten, nicht mehr auf den Baumwollfeldern, sondern in den Bürotürmen statt. Allerdings ist es eine Art „demokratische Sklaverei“, denn sie trifft sowohl als auch jene, die für unter 5 Euro pro Stunde die Scheiße derer wegputzen, die ein 50-, 60-, 70-faches dieses Stundenlohns erhalten. Beim einen ist es die Bezahlung, beim anderen die Zeit, die der Tätigkeit etwas Unmenschliches gibt.

Und nun scheinen dies einige Unternehmen mitbekommen zu haben und beginnen, sich dieses Problems bewusst zu werden und postulieren / versprechen Änderung – natürlich völlig losgelöst von der Vergangenheit. Also kein Eingeständnis früherer Missstände, sondern ein angeblich völlig neues Konzept, für das man auch gleich einen Weichspüler-Anglizismus parat hatte: work life balance, den wir gerne wie folgt übersetzen:

„Work-Life-Balance“ steht für „Wohlfühl-Sklaverei“.


Dieser Terminus hat ein mathematisches Problem. Wenn man ihn genau nimmt und das sollte man mit Begriffen immer, sagt er wortwörtlich, dass sich Arbeit („work“) und Leben („life“) die Waage halten sollen („balance“).

Das heißt, alles, was nicht Arbeit ist, ist Leben. Da ich aber nur bei den wenigsten Arbeitgebern während der Zeit vor Ort schlafen darf, zählt auch die Zeit in Morpheus’ Armen zum Leben.

Damit das aber harmonisch (ganz wichtig) im Gleichgewicht bleibt („balance“), heißt das einerseits 12 Stunden und andererseits 12 Stunden. Was davon „work“ und was davon „life“, da macht ein moderner Arbeitgeber keine Vorgaben mehr. (Stichwort: flexible Arbeitszeiten)

Während also ehedem Arbeiter für die 35-Stunden-Woche auf die Straße gingen, scheinen es sich heute Arbeitgeber leisten zu können, sich mit dem Angebot eines 12-Stunden-Tags „sozial“ nennen zu können. (s. Employer Branding) – So nebenbei: Wenn man das Wochenende rausrechnet, wo man ja durchaus von 48 Stunden Leben sprechen kann, ergäbe sich sogar fast ein 17-Stunden-Tag.

Das Interessante ist aber weniger das Angebot von „work life balance“ als vielmehr die Nachfrage. Immer mehr Unternehmen geben zumindest kund, dass das dies entscheidend sei bei der Suche nach Mitarbeitern (neudeutsch: human resources). Diese „menschlichen Wertstoffe“ scheinen also von noch viel Schlimmerem auszugehen, aber dafür nicht mehr bereit zu sein. (Das hat latent pathologische Züge, wenn man nicht willens ist, das zu tun, was man sich einbildet. (siehe: paranoia)

Wie dem auch sei, die Unternehmen profitieren davon und überraschenderweise die Gewerkschaften nicht. Es scheint einfach so, dass die Menschen mehr arbeiten wollen. Am besten noch mehr.

Aber das Schöne ist ja, ob man nun die Arbeitszeit verkürzt oder verlängert, es gibt immer Gewinner:
- Damals bei der Einführung der 35-Stunden-Woche freuten sich die Zeitungsverlage über einen erklecklichen Zuwachs an Kleinanzeigen für Malerdienste, Gartenarbeiten etc. (gerne auch ohne Rechnung).
- Heute sind es die Singlebörsen, Therapeuten, Anwälte (wahrscheinlich in der Reihenfolge).

Irgendwas scheint da arg in Schieflage geraten zu sein.


Natürlich gibt es vielerlei Ansichten zum Thema:

karrierebibel.de: Work-Life-Balance – Warum schon der Begriff Unfug ist
    Hierzulande ähnelt Arbeit eher so etwas wie Muskelaufbau: Sie muss weh tun, sonst bringt sie nichts. Entsprechend gestresst sind wir bei unserem Tagwerk, arbeiten uns krumm und kaputt oder sogar tot.


brandharder.de: Good Vibrations?
    Amir Kassaei und Ibo Evsan haben kürzlich über die Zukunft von Arbeitsprozessen, Work-Life-Balance und die Bedeutung von Crowdsourcing im Agenturumfeld diskutiert.


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