„E-Commerce“ oder „Iih, Kommerz“?

Der Deutsche an sich leidet unter Niederkomplexitätsphobie. Die Sachen müssen kompliziert sein. Sie dürfen nicht einfach sein. Und wenn sie einfach sind, dann muss man wenigstens in der Lage sein, sie kompliziert auszudrücken. Reden wir über E-Commerce.

Jeder, der sich auch nur eine Sekunde damit beschäftigt, okay: zwei, wird feststellen, wofür das „E“ wirklich steht: für „Emma“. „Emma“ wie in Tante Emma.

Weil das aber wohl piefig klingt, bauscht man das Ganze noch mit ein paar Anglizismen auf, macht sich alle Aspekte sehr bewusst, weist auf die Gefahren hin, die Probleme, die Schwierigkeiten, so dass sich ein jeder, der im E-Commerce tätig ist, sofort als kompetenter Problemlöser aka „Problem Solver“, „Solution Manager“ oder sonstwas fühlt. Und das ist auch gut so ...

E-Commerce-Manager

Und so sucht man unglaublich viele „E-Commerce Manager“; „Verkäufer“, „Handelsvertreter“ o. Ä. sucht man selten. Dabei ist es ja nichts anderes. Im Grunde. Wenn man es realistisch sieht. Aber das ist wohl zu niederkomplex.

Und vielleicht weil dem Ganzen allein konnotativ doch so etwas schrecklich Kapitalistisches anhaftet. „Kommerz“ – das klingt schon so oberflächlich. So nach jemandem was aufs Auge drücken, was er nicht braucht, nach dummen, nutzlosen Tand, das hat was Unredliches. Das ist „Iih“, „Ba!“, „Bä!“ – Und genau das ist Quatsch.

Gerade im Online-Bereich ist der Handel redlicher als in irgendeinem anderen Bereich. Während man an der Haustür oder in einem Warengeschäft noch einem echten Menschen gegenübersteht, der rhetorisch, modisch oder sonstwie leicht auf einen derart einwirken kann, dass man doch eher eine Bauch- (und tiefer) -entscheidung trifft, bleibt es im Handel bei aller aufgehübschten Darstellung eine Entscheidung der oberen Etagen (Herz, Hirn).

In einem Supermarkt, Discounter, Megastore, da gibt es nur die Ware – online gibt es das Wahre noch dazu. Vielleicht nicht auf der Seite, aber Seiten mit Kritiken, Rezensionen, Kundenberichten sind kaum mehr als drei Klicks weg. Da ist weitaus weniger einfach, einem Besucher was aufzuschwätzen. Und dann auch die ganzen Möglichkeiten mit der kostenlosen Rücksendung. Diese gibt dem Kunden auch Möglichkeiten, seinen eventuellen Spontankauf noch nach Tagen zu revidieren. Man kann also beim besten Willen nicht behaupten, E-Commerce wäre „iih, Kommerz!“

Ganz im Gegenteil, es braucht aus den oben genannten Gründen richtig viel Intelligenz und Empathie, um in diesem Bereich erfolgreich zu sein, damit es eben zu einem Abschluss ohne Retouren kommt.

Und demnach müsste es ja gar kein Problem sein, deutsche E-Commerce-Manager zu finden, denn wenn der Deutsche sich für etwas hält, dann doch intelligent und empathisch. Ist es aber doch, was weitere Fragen aufwirft, zum Beispiel: Stimmt das Selbstbild?

Oder liegt es doch einfach nur am Berufsbild? Sind wir einfach keine Nation der Händler, sondern eher eine der Schacherer? Liegt es daran, dass es hierzulande mehr Geiz- als Stehkrägen gibt? Oder liegt es einfach daran, dass die, die E-Commerce Manager suchen, selbst unter Niederkomplexitätsphobie leiden (Stichwort: Employer Branding) und die Aufgaben entsprechend suboptimal vermitteln?

Vermutungen werden angenommen.
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