About Marketing

Marketing ist ein verrücktes Tätigkeitsfeld. Ich glaube, nur im Bereich der Esoterik wird mit Halb- oder Unwissen so viel Geld umgesetzt wie im Marketing. Manches, was als Wissen angeboten wird, ist reines Gelaber. Doch "where's the beef"? Was wissen wir? - Elf Antworten:

1. Die Welt wird immer verrückter (= komplizierter)


Es gibt mehr Produkte, es gibt mehr Apps, es gibt täglich mehr Tweets und Blogs und Bücher und Filme und Behauptungen über alles in der Welt als jemals zuvor. Doch es gibt nicht nur mehr "things", sie sind auch noch vernetzt, und werden immer komplizierter vernetzt. Globalisierung bedeutet u.a., mehr Informationen über mehr Informationsgegenstände zur Verfügung zu haben. Man könnte auch sagen, der nach wie vor begrenzten Aufnahmekapazität des Menschen steht immer mehr potenzieller Input entgegen, ach nee: Content.

2. Aufmerksamkeit als Krieg der Gedanken


Es gibt immer mehr Zeug, das in unseren Kopf will, aber wir haben keine Zeit für dieses Zeug. Wir holen uns Apps, als ausgelagerte Instanzen der Aufmerksamkeitskontrolle und haben das Gefühl, die Welt damit besser in den Griff zu bekommen. Trotzdem können wir nicht alle Bilder ansehen, alle Filme anschauen, alle interessanten Artikel lesen, alle Gedanken mitdenken, geschweige denn nachdenken. Das Tor zu unserem Kopf ist die Aufmerksamkeit, und da wollen alle durch. An der Welt-Hirn-Schranke wird eine mörderische Schlacht geschlagen. Milliarden Gedanken sterben, bevor sie überhaupt angedacht wurden. Und dann kommt die Werbung, "Guten Tag!", und will da auch noch mit rein.

3. Marketingmanager/innen haben keine Zeit


Jede/r Marketingverantwortliche ist in einer Situation, in der er zu viele Maßnahmen in einer immer komplexeren Welt in viel zu knapper Zeit mit zu wenig Geld und zu geringen personellen Kapazitäten umsetzen muss. Er ist Opfer des Aufmerksamkeitskriegs als Mensch und als professionell zur Weiterbildung Verpflichteter. Gleichzeitig ist er Täter, indem er Produkte in Märkte setzt und die Menge der Informationen in der Welt vermehrt.

4. Marketingleute lesen keine Blogs


Ich war Etat-Director einer Werbeagentur - niemand von meinen Kunden oder Kollegen hat Blogs gelesen. Ich war Marketingmanager in einem mittelständischen Milliardenumsatz-Unternehmen - niemand in meinem Umfeld hat Blogs oder irgendetwas, das so ähnlich aussieht, gelesen. Die Leute nutzen Apps, manche lesen Welt oder Spiegel online oder bekommen auf irgendwelchen Kanälen Artikel verlinkt. Aber das ist es dann auch. Die Weisheiten, die wir Tag für Tag raushauen, nimmt niemand wahr.

5. Niemand will wissen, was Marketing "wirklich" ist


Jede/r Marketingverantwortliche hat zu viel zu tun. Das Letzte, was in dieser Situation interessiert, sind akademische Debatten, ob Content-Marketing wichtiger als Inbound-Marketing ist und ob Neuro-Marketing nicht eigentlich der Heuler ist. Beratungsunternehmen, die sich einbilden, ihre Leistungen vor allem aufgrund ihres Wissensvorsprungs zu verkaufen, irren. In der Regel will da einfach nur jemand wissen, was denn ungefähr wirklich hinter diesem neuen, geilen Buzzword steckt. Ein Beispiel? Neuro-Marketing = Brüste. Kollege Walkenhorst hat das hier sehr schön ausgeführt. Dopamin? Belohnungszentrum? So what?

6. Die Problemhändler


Es wird oft gesagt, dass Regierungen die Bürger in ihrem Land ängstlich halten, um ihnen im Endeffekt irgendwelche unpopulären Maßnahmen zu "verkaufen". Das Gleiche ließe sich über manche Beratungsunternehmen sagen.

7. Marketingleute sind nicht blöd


Was Marketingleute wirklich leisten, ist so unsichtbar wie die Fahrdienstpflichten einer Mittelstandsmutter mit drei Schulkindern. Alles, was von einem Unternehmen von außen zu sehen ist, gehört potenziell zum Verantwortungsbereich des Marketings. Im besten Fall sind 10 Prozent davon geplant (Zahl erfunden). Gutes Marketing ist, wenn das Gesamtbild einigermaßen stimmt. Corporate Behavior? Wer hat denn Zeit für sowas? Glücklicherweise ist den Mitarbeitern eines Unternehmens gewöhnlich klar, wie sie sich verhalten sollen, damit es nicht zu Katastrophen kommt. Eigentlich wäre es besser, dafür einen Plan zu haben (der "operativ geerdet ist und zugleich in Übereinstimmung mit den Zielen des Unternehmens bla fasel"). Fehlt dieser, liegt es nicht daran, dass irgendjemand zu blöd dafür ist, sondern daran, dass niemand Zeit hat, sich ernsthaft darum zu kümmern. Wenn man Marketingmaßnahmen grob in Pflicht und Kür einteilt, ist es ein Erfolg, wenn die Pflicht umgesetzt werden kann.

8. Die Architekten der Märkte


Mitarbeiter im Marketing haben in der Regel eine relativ breite Allgemeinbildung. Sie "sind informiert". Ihnen ist bewusst, dass nicht alles im Unternehmen völlig rund läuft. Sie wissen meistens, wo es in der Herstellung, im Vertrieb und natürlich auch in der Werbung hakt. Wenn sie gut sind, wissen sie auch, was man tun müsste und was man besser machen könnte. Sie sind wie Architekten. Und wenn Sie Architekten kennen, wissen Sie: Architekten sind notorische Weltverbesserer. Doch, doch. Trotzdem sehen viele (Alltags-) Gebäude langweilig aus. Warum ist das so? Marketingleute sind in einer ganz ähnlichen Situation. Sie wissen häufig, was besser wäre, sind aber nicht frei darin, es umzusetzen.

9. Die Buzzword-Hölle


Jeder macht sich lustig über Marketing-Phrasen. Ungerechtfertigterweise, denn es gibt tatsächlich Marketing-Begriffe, die eine klare Bedeutung haben. Bedauerlicherweise kann das Marketing dem Rest des Unternehmens keine Nachhilfe geben. Aus hierarischen Gründen. Zuweilen auch schlicht wegen der Doofheit einzelner Mitarbeiter. Ich erinnere nur an die Denkschwäche, welche die bekannte Corporate-Identity- vs. -Design-Unschärfe verursacht. Und leider muss man auch zugeben, dass in wenig anderen Unternehmens-Bereichen tatsächlich so viel Mist geredet wird wie im Marketing. Sprüche wie "Keep it simple" werden als Riesen-Erkenntnis verkündet, jedoch Fehlanzeige, was das in Form von Marketingmaßnahmen heißt. Wobei "Keep it simple" ein Sonderfall ist: Häufig wird damit argumentiert, um entweder a) nachdenken zu verhindern oder b) Geldnot zu rechtfertigen. Oft dient der Jargon auch einfach der Distinktion: Ihr einfachen Unternehmensmitarbeiter-Mäuse haltet uns für überflüssig? Okay, dann hier - Bam! - nehmt die Aida-Regel als Distinktionsbeweis!!!

10. Gesunder Menschenverstand


Erinnert sich noch wer an "fraktales Marketing"? Oder "ganzheitliches Marketing"? (kurze Lachpause) Das Gehirn arbeitet nach dem "Eins-zwei-viele"-Prinzip. Und ich behaupte: Die Gemeinsamkeit dieser alten und der jetzigen Marketing-Hypes ist, dass versucht wird, einen Begriff für das Kompliziert-werden der Welt zu finden. Dafür nehme man irgendwelche gerade aktuellen Mythen und hänge ein "-Marketing" hintendran. An der täglichen Arbeit ändert sich nichts. Bzw. es ändert sich nur, was sich halt ändert in einem Tätigkeitsbereich, dessen Gegenstand (Produkte und Dienstleistungen) und Mittel (Botschaften, Medien, Maßnahmen) sowieso einfach DAS NEUE ist. Das ist der Grund, warum für das Meiste, was im Marketing funktioniert, die guten alten Tools "Erfahrung" und "gesunder Menschenverstand" am hilfreichsten sind. Und wenn es nur dafür ist, zu wissen, was man besser bleiben lässt. Das Dumme und Falsche nicht zu tun - damit ist in vielen Fällen schon viel geholfen.

11. Warum Marketing scheitert


Achtung! Jetzt die Mega-Weisheit: Wenn Marketing scheitert, dann in 90 Prozent aller Fälle nicht aus dem Grund, der genannt wird, sondern weil versucht wird, mit Marketingmitteln einen Eindruck zu erwecken, der nicht der Wirklichkeit entspricht. So tun als ob ist nicht nur privat unglaublich mühsam, sondern auch im Marketing. Einen falschen (natürlich schönen) Schein erwecken wollen, das kostet richtig Geld, und meistens geht es richtig schief. Oder: You can't disguise a pig as a queen!

Wer sind wir? Und, wenn ja: Warum?
Wer sind wir? Und, wenn ja: Warum?



Ich hoffe, Sie haben die vielen Modalwörter wahrgenommen. Was ich hier behaupte, stimmt meistens, womit implizit gesagt ist, dass es auch Gegenbeispiele gibt. Meine Frage ist: Stimmt die Tendenz? Oder wie lassen diese Thesen sich falsifizieren? (wie, außer durch singuläre Gegenbeispiele)
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