Schade Werbung - alles ist vorbei, alles ist vorbei, alles ist vorbei ...

Noch hängen die Plakate mit Lahm und Matthäus, noch trinken unsere Mannen Milchmixgetränke, alkoholfreies Bier, futtern Chips in unsagbar unwitzigen Spots, rasieren sich (Weltklassetechnik!) und fahren Auto. Ja, das ist immer ein schöner Moment, wenn ein Fußballweltstar gut gelaunt in einem Kleinwagen herumgurkt. Toll, denke ich Verbraucher, diesen Kleinwagen und deine finanziellen Sorgen möchte ich auch haben. Zum Glück nur noch eine Woche lang erzählt Pep in seinem Audi-Spot, der witzig ist, wenn man ihn das erste Mal sieht, wieder und wieder diese Geschichte, die ... ja, äh, was eigentlich? Ich hab zuletzt nicht mehr richtig zugehört. Aber bald ist Schluss! Noch eine Woche, und dann ... alles ist vorbei, alles ist vorbei .... usw. Im Handel allerdings ist jetzt schon Schluss!

Vom Dschungelcamp bis Rio
Vom Dschungelcamp bis Rio
Hinter diesem Ailton-Aufsteller sind Ladenmitarbeiterinnen gerade beschäftigt, die Spuren der WM zu tilgen. Ailton ist natürlich das Mega-Testimonial. Erster Preis für diese Idee. Kein Anderer hätte das Knabber-Paradigma der WM durch die Personifizierung von Dschungelcamp und gleichzeitig Sport glaubwürdiger symbolisieren können.

Tolle Sache auch der Text. Nehmen Sie sich Zeit, ihn zu genießen: "Ailtons WM-Tipp: Für die WM-Party-Stimmung!" Kommt noch was? Ein Verb? Ein Lösungshinweis?







Dabei knuspern ist alles
"Dabei knuspern ist alles"
Die WM ist ein prima Leistungsbeweis für Texter. Naja, seien wir nicht zu hochnäsig. Was Texter verantworten, haben Texter zwar erfunden, aber die Entscheidung für den am Ende verwendeten Text treffen ja Andere. Und häufig ist es nicht Texters Liebling, der umgesetzt wird, sondern der konsensfähigste Text. "Dabei knuspern ist alles" war bestimmt so ein Fall, ich bin sicher. "Dabei knuspern ist alles" - so zwingend wie ein selbstgemalter 8-Euro-Schein.


Bei der WM werben mit der Abwandlung eines Mottos aus der Welt der olympischen Spiele? Mit dem Trostspruch für alle, die nicht gewinnen können, aber halt auch dabei sind? Das hat Größe. Es ist ehrlich. Es bringt die Situation auf den Punkt.

Für Unternehmen bedeuten Sonderverpackungen und die damit erforderliche Änderung des Verpackungsprozesses einen beträchlichen Aufwand. Das macht man nicht aus Jux. Es müssen also schon wahre Mondumsätze sein, Mehr-Umsätze noch dazu, die man sich davon verspricht, einen Ball auf die Packung und einen solchen Wow!-Spruch auf das Display zu drucken. Ja, die Hoffnung!

Wir stimmen alle ein


Marketing mit den Symbolen der Fußball-WM ist vor allem eins: Die Vereinnahmung einer Sportart und des Gefühls, das die Fans dieser Sportart bereitstellen. Und die Ausweidung des Landes Brasilien bzw. der stereotyp verkürzten Bilder, die wir von Brasilien haben (Samba, Kokosnuss, Papagei, Zuckerhut, brasilianische Strandschönheiten). Besonders deutlich wird das innere Desinteresse an Brasilien, wenn Marketing die absolute Zweckfreiheit erreicht: "Gaumenkicker", alles klar (s.u.). Und Senf dazu, schwarz, rot, gold. "54, 74, 90 usw. ... ja, so stimmen wir alle ein". Klar, vom Fußball-Event zum Grillen und zum Senf ist es nicht weit. Und natürlich stimmen wir alle ein.

Kicker oder Stürmer: Hauptsache Italien!
Kicker oder Stürmer: Hauptsache Italien!
Sei kreativ, gib deinen Senf dazu
Sei kreativ, gib deinen Senf dazu












Man muss es mit Verständnis sehen. Werben mit der WM ist ein heißes Eisen. Extreme Vorsicht ist geboten. Die FIFA, das haben wir 2006 gelernt, ist humorlos und ahndet alle Versuche, ohne Lizenz mit Markenelementen der WM zu werben. Also muss man sich etwas einfallen lassen. Und da ist kein Gag zu gaga. Jeder irre Witz braucht einen Mutigen, der ihn umsetzt, und so erblicken Dinge das Licht der Welt, für die sich 16-Jährige auf Facebook schämen würden.

Hier fehlt der Flügelstürmer-Gag!
Hier fehlt der Flügelstürmer-Gag!
Klingt fast wie Champions League
Klingt ja fast wie Champions League












Elf Freunde müsst ihr sein. Wer richtig gute Freunde hat, wen das Leben verwöhnt und wem die Sonne aus dem Hintern scheint, der gibt sich nicht mit Grillzeug zufrieden. Und wie verwöhnt man seine Freunde, wenn man ihnen zeigen will, wie wertvoll sie einem sind? Genau, mit "Gewinnergulasch" oder "Fantopf" (was mag da drin sein?). Man sieht es förmlich vor sich, wie sie zusammensitzen, gute Kumpels wie aus einem Las-Vegas-Film, und dem Ende der ersten Halbzeit entgegenfiebern, nur um rasch, in den Minuten, die neben der Pipipause bleiben, ein Päckchen "Doppelpass-Pasta" aufzureißen. Dazu Aufgusswitzchen ...

Guten Freunden gibt man ein Töpfchen
Guten Freunden gibt man ein Töpfchen
Pfosten-Pasta wär auch schön gewesen
"Pfosten-Pasta" wär auch schön gewesen



















Noch ein paar Beispiele


The day after = Gurken
The day after = Gurken
... und Gürkchen. Selbstverständlich. Für den Morgen danach. Auch in den Geschmacksrichtungen "1954" und "1974" erhältlich.












"Kick it - snack it"! Genial!
"Kick it - snack it"! Genial!
"Fußball-Snack" - mehr muss man nicht wissen.












"Mit lustigen Fußballmotiven". Echt jetzt?
"Mit lustigen Fußballmotiven". Echt jetzt?
"Mit lustigen Fußballmotiven". Zum Beispiel einem Fußball spielenden Krokodil (mit Trikotnummer 9: Schürrle?) und ein paar bunten Vögeln. Ola Brazil. Fußball-Edition. Bälle.










Inspired by Brazil
Inspired by Brazil
"Inspired by Brazil". Was soll das heißen? Irgendwer hat dieses Jahr zufällig entdeckt, dass Brasilien ein schönes Land ist, und man eine Kokosnuss auf die Packung drucken könnte? Coco Cabana? Natürlich, so reden sie doch da drüben den ganzen Tag.











Ohne Chips kein Chips-Gesicht
Ohne Chips kein Chips-Gesicht
Ja, logisch: Sonderplatzierung. Und Fußball, Fernsehen, Chips futtern, alles klar. Das wirkliche Thema ist: Alle meinen, sie müsten auf diesen Zug aufspringen. Alle mit den gleichen Bildern, alle mit den gleichen auserzählten Sprüchen. Ergebnis: Damit werden nicht nur Markenunterschiede nivelliert, sondern geradezu auch die Unterschiede zwischen Produkt-Kategorien.




Kein Hanuta, keine Bilder drin
Kein Hanuta, keine Bilder drin
Ferrero hat Fußballbildchen. Schon immer. Und wie mit den Lottozahlen: Wenn man einmal angefangen hat, traut man sich nicht mehr, aufzuhören. Und Knoppers? Auch kreativ. Beliebige Wörter aus dem semantischen Feld "Fußball" irgendwo drauf schreiben. Vielleicht sagt ja der Handel: Super! Bälle! Los, nehmen wir die 15er-Packung ins Sortiment! Verkauft sie sich, ist das ja auch schon was. Mehrabsatz auf diesem Weg - das ist aber auch der einzige Effekt, den ich mir vorstellen kann.

Ansonsten? Fazit? Geldverschwendung!

PS: Wenn man sich lange damit beschäftigt, hält man Wortspiele wie "Knabber daneben" plötzlich für sinnvoll. Sie wissen schon, zusammengesetzt aus "knapp daneben" und ... egal, verständigen Sie bitte einen Arzt.
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