Warum mir Papier und Stift immer noch lieber sind

Selbstverständlich nutze ich ein Smartphone. Ganz empört schreibe ich das, weil ich glaube, mich verteidigen zu müssen, für die Überschrift und dafür, dass ich nicht total digital bin. Mein Smartphone ist nicht das Aktuellste, nicht das Schnellste, aber gut genug für das, was ich damit mache. Außerdem war es günstig. Für mich ist es weder ein Lifestylegegenstand, noch eine Distinktionshilfe. Ich verwende es als tragbaren Minirechner, mit dem man auch telefonieren kann. Ja, richtig gelesen: Ich telefoniere mit dem Ding.

Apps sind okay, Papier ist besser


Seit ich es nutze, habe ich eine Notiz-App. Als mein erstes Gerät (Android 1.5) out-dated war, weil ich Whatsapp wollte und WA erst ab Android 2.irgendwas ging, musste ich es stilllegen und stand nun vor der Aufgabe, meine Notizen zu übertragen. No way. Also habe ich mir einige, die ich für wichtig hielt, per Weiterleitung einzeln als Mail geschickt. Seitdem nutze ich Evernote. Ein klasse Programm, klasse Features, klasse Funktionen. Für jemanden, der seine Notizen für wertvoll hält, ist es beruhigend, dass man den Zugang zum Programm auf dem Smartphone schützen und Textpassagen in Notizen auch völlig verschlüsseln kann. Das geht allerdings nur über die Desktop-App. Btw. es ist echt praktisch, dass die Notizen online synchronisiert werden und dann über jeden Browser oder eben die Desktop-App verfügbar sind. Außerdem gibt es Browser-Add-ons, mit denen Seiten, Seiteninhalte, einzelne Texte oder nur URLs während des Surfens online abgelegt werden können. Kann ich empfehlen.

Trotzdem komme ich inzwischen wieder mehr dahin zurück, Notizen auf Papier zu schreiben. Wenn es um Ideen, Skizzen, Einfälle geht, ist Papier einfach schneller. Ich finde es absolut ideen-tötend, erst das Gerät rauszukramen, es aufzumachen, Evernote zu öffnen, was manchmal dauert, weil es sich vielleicht synchronisieren will, dann aber nicht weiterkommt und erst einmal hängt, das nervt, aber egal, warum und wie: Bis ich soweit bin, etwas zu schreiben, sind locker fünf Minuten vorbei. Und der Gedanke ist dann u.U. schon weg.

Ich mag meine Handschrift, wahrscheinlich bin ich Narzisst


Und dann dieses Schreiben! Was ist für ein nerviges Schreiben ist das eigentlich, auf so einem blöden Display! Muss ich erklären, was der Unterschied zwischen kleinfingerigem Getippe mit Buchstaben für Buchstaben zusammengesetzten Wörtern für den von der Leine gelassenen Geist ist? Im Vergleich zu grobem, großzügigem, skizzenhaftem Fuhrwerken mit dem Stift über ein weites, weites Blatt Papier? Mit Wörtern, die man abreißen lassen kann, sobald man weiß, wieviel Gekrakel reicht, um einen zu erinnern, was man sagen wollte. Vielleicht war es auch gar nicht so wort-konkret, was man sagen wollte. Vielleicht hatte man nur so einen Dunst von einem Gedanken, der nur zur Hälfte aus Wörtern und vielleicht auch aus Kringeln, Strichen, Verbindungen usw. usf. besteht. Wenn man wütend ist, kann man es mit dem Stift am Papier auslassen. Und später sieht man dem Schriftduktus an, in welcher Verfassung man war. Das bringt die Ideen besser wieder zurück.

Mein Notizbuch
Mein Notizbuch


PS: Und irgendwer muss ja die ganzen Werbemittel-Kulis verbrauchen, die alle Welt Tag für Tag machen lässt.
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Kommentare

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Piero:

Ein sehr guter gelungener Artikel, der mir aus der Seele spricht.

Papier und Stift sind auch im digitalen Zeitalter nicht zu ersetzen.

Wenn ich z. bsp. eine Datenbank erstelle, dann zeichne ich mir zuerst auf Papier einen vorläufigen "Screenshot" mit den erforderlichen Feldern. Anschließend erstelle ich (obwohl entspr. Software vorhanden) ein Mindmap per Hand.

Danach erst setze ich mich an den Computer und arbeite diese ToDo Liste ab.

Obwohl es inzwischen für so ziemlich alles eine entsprechende Software gibt kann die EDV eines nicht ersetzen. Die menschliche Psyche und die Merkfähigkeit des Gehirns. Durch das Schreiben als manuelle Tätigkeit, verbunden mit dem Sehen des Geschriebenen und gleichzeitigem Lesen werden bei der Arbeit mit Papier und Stift mehr Verknüpfungen im Gehirn erstellt als bei der Arbeit mit einer App oder sonstiger Software.

MfG Piero Zedda
15:49

Torsten Matthes:

Danke für das freundliche Feedback. Ja, die Sache mit den Verknüpfungen im Gehirn sehe ich auch so. Ich habe den Artikel geschrieben, weil ich es schade finde, dass mache Denkhilfen, die vor ein paar Jahren noch üblich waren, jetzt aber aus der Mode gekommen sind, überhaupt nicht mehr genutzt werden. (was keine Aussage zu den zahllosen Neuheiten des Jetztlebens sein soll)
11:16

Torsten Matthes:

Clevere Idee, wie man ein analoges Notizbuch mit Tags versehen kann:
http://blog.highfivehq.com/posts/a-little-known-hack-from-japan-to-get-your-notebook-organized
14:43

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