„Kann sich der alte Sack nicht kürzer fassen?“

Wissenschaftler haben herausgefunden, genau genommen hat das Forschungsinstitut Matthes herausgefunden, warum gerade ältere Männer im Marketing häufig einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Sprechzeit beanspruchen.

Einschub: Ich verwende hier die genderspezifische Formulierung „Männer“, weil das thematisierte Verhalten nur bei Männern vorkommt. Statistisch gesehen sind Frauen bessere Menschen, wobei die Wissenschaft noch nicht abschließend geklärt hat, ob sie das wirklich sind oder ob sie einfach bisher nicht genug Möglichkeiten hatten, Schlechtes zu tun. (was rein statistisch ein ähnliches Zahlenbild ergibt)

Zurück zu den Männern. Also: Warum?

Weil sie Chef sind?


Ganz klar: Wer Chef ist, darf sprechen, so viel, so oft und so lange er will. Aber führt das tatsächlich zu einer längeren Sprechdauer? Entgegen landläufiger Meinung: Nein. Wer wirklich wichtig ist, weiß in seiner Position, dass die Gefahr, Blödsinn zu reden, höher ist als die Chance, durch einen Sprechbeitrag Punkte zu machen. Er wird sich also zurückhalten, wird die Meiers und Schmidts dieser Welt vorlassen, um am Ende alles kurz zusammenzufassen und anzukündigen, dass er zum Essen geht (was absolut zwingend das Ende jeder Besprechung ist) (es sei denn, der magische Satz „Wenn Sie wollen, können Sie ja noch weitermachen!“ wurde ausgesprochen, worauf das Meeting ebenso zwingend weiter gehen muss). Wenn der Kuchen spricht, schweigen die Krümel usw.

Weil sie alles wissen?


Schon eher. Aber doch nicht ganz. Denn auch ohne Chef zu sein, wissen viele ältere Männer, dass es besser ist, bei manchen Themen leise zu sein. Sie wissen zwar Vieles, typischerweise zum Beispiel, wie man das Licht im Besprechungsraum anmacht, wie die Fenster aufgehen, wie die bizarr konfigurierte Telefonanlage funktioniert, welche Durchwahl Dr. Bremer hat usw. Aber sie wissen fast nichts darüber, was Miley Cyrus zuletzt angestellt hat. Daher sind sie oft still, wenn es um modernes Leben nach 1998 geht. Nein, das ist es also auch nicht.
Ich könnte Sie nun noch lange mit empirischen Beobachtungen quälen, doch ich will will zum Punkt kommen. Der eigentliche Grund ist (übrigens wie bei SEO…):

Weil sie unendlich viel Kontext brauchen, um ihr Wissen zu äußern, nein: zu erklären


Der Vorteil der Jugend ist, dass jetzt, im Moment einfach IST, was IST. Um darüber zu sprechen, genügt ein „Yo“ oder „Lol“ oder Smiley oder Twitter-Zitat. Mit einem kurzen „Keine Ahnung“ ist meistens alles gesagt. „Keine Ahnung“ heißt ja nicht „Keine Ahnung“, sondern „Was Sie gerade angesprochen haben, ist meines Erachtens in diesem Fall, zumindest in diesem Stadium des Projekts, nicht relevant. Ich habe keine Lust, über so was Unwichtiges zu reden. Und nachdem Sie alter Sack sich damit nicht auskennen, sondern weiterführende Informationen von mir bräuchten, um hier überhaupt mitreden zu können, schlage ich vor, wir kürzen das Ganze ab, in dem wir über etwas Anderes reden. Aufgrund meiner hierarchischen Stellung innerhalb des Unternehmens kann ich Ihnen das freilich nicht direkt ins Gesicht sagen. Usw. usf.“ Die Jugend braucht nur Short Messages, denn sie bespricht nur die Echtzeit, d.h. Vorgänge, die sowieso gerade ablaufen (quasi die Continuous Form des kommunikativen Verweisens).

Grafik zur Darstellung des Redeanteils älterer Männer
So spricht das Alter, das Alter, das spricht so! So spricht das Alter, das Alter, das spricht so ....


Dem entgegen braucht alles, was jemand über 30 sagt, kontextuelle Ergänzungen. Der ältere Mann redet nicht, was IST, sondern was WAR oder SEIN KÖNNTE. Jedes Wort, das er sagt, muss erklärt werden. Das ist auch der Grund, warum sich viele Ältere im Marketing fast einnässen, wenn sie jemanden treffen, der auch die AIDA-Regel kennt. Mal abgesehen davon, dass die AIDA-Regel genau genommen Schwachsinn ist, war es halt das, was man früher gelernt hat. Wer neu im Marketing war, hat sich beeilt, solche Buzzwords wie „AIDA-Regel“ möglichst schnell auch verwenden zu können, um seine Zugehörigkeit zum inneren Kreis zu demonstrieren. Heute macht das niemand mehr.

Grafische Darstellung der kürzereren Ausdrucksweise, der sich jüngere Marketingmenschen befleißigen
So spricht die Jugend, die Jugend, die spricht so! So spricht die Jugend, die Jugend, die spricht so ....


Das Regime der alten Männer ist vorbei!


Zurück zum Thema. Die Notwendigkeit, auf Kontexte außerhalb des aktuellen Ereignishorizonts zu verweisen, kostet Worte – viele Worte und damit Zeit. Daher geben ältere Männer immer die Langfassung zum Besten.

Soviel Zeit hat niemand mehr. Keiner interessiert sich ernsthaft für die Verortung der Gegenwart innerhalb eines geschichtlichen Marketing-Kontinuums. Daher werden diese langen Redebeiträge von Tag zu Tag obsoleter. Nicht mehr lange, und all diese Männer werden traurig beim Italiener herumsitzen und mit der Ungerechtigkeit eines Schicksals hadern, das sie langatmig und damit unzeitgemäß und unkompatibel mit der Gegenwart gemacht hat. Ihre einzige Möglichkeit für ein bisschen Freude mit ihrem vielen Wissen wird sein, wenn sie in endlosen Blogbeiträgen … Hallo? Wer sind Sie? Wieso soll ich mitkommen? Ich muss erst noch diesen Beitrag zu Ende –
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