FischerAppelt - der Spiegel zappelt

Wir produzieren Gesprächsstoff, der Menschen bewegt. Zum Clicken, zum Liken, zum Sharen, zum Kaufen. Bei uns entsteht Content zur Unterhaltung, zur Berichterstattung, zum Weitersagen, zum Wiederkommen, zur Kundenbindung und zur Mitarbeitergewinnung.

So steht es auf der Internetseite von fischerAppelt und man muss zugeben: Genau das tun sie - und das zudem, zumindest was die Eigenvermarktung angeht, ziemlich perfekt. Auf sie (im Gegensatz zu dem Verfasser dieser Zeilen) trifft der Satz "Der Schuster hat die schlechtesten Schuhe" nicht zu - und der Wegbereiter ist Spiegel Online in seiner Sparte Karriere.

Freitag kommt dort der "tiefenentspannte" Agenturchef zu Wort, genauer: zu 702 Wörtern, in denen er seine "10 Tipps für ein entspanntes Berufsleben" ausbreiten darf - und dies eingeleitet mit den Worten:

Immer gut drauf, scheinbar nie gestresst. Wie macht er das bloß? Manager Frank Behrendt war für Kollegen ein Rätsel - bis er die wichtigsten Job-Ratschläge in eine Liste packte. Hier sind seine zehn Tipps.

Na, wenn das mal keine top Selbstdarstellung ist (Es gibt da andere. :-) ) - und das auch im redaktionellen Teil. Allein das nötigte einem schon Respekt ab, aber heute wurde es noch besser: Heute "kontert" ein Angestellter und erzählt

(...) nach einer 80-Stunden-Woche (...), wie der Alltag in der Werbebranche wirklich ist.

Davon mal abgesehen, dass diese Einleitung ein Klischee mit einer 2-in-1-Phrase bedient, da es einerseits DIE Werbebrangsch ebenso wenig gibt, wie die Deutschen, die Flüchtlinge, die Schwaben (pardon: die gibt's), und zudem andererseits jeder Bericht eines Einzelnen nie dazu angetan ist, etwas darzustellen, wie etwas "wirklich" ist, kann man das dem Mitarbeiter nicht anlasten, da dies die Einleitung der Redaktion war.

Das heißt aber nicht, dass sein Text klischeefrei wäre. Oh, ist er ganz und gar nicht, aber diese haben ein größeres Humorpotenzial, wie überhaupt der Text sehr spaßig ist, wenn man sich für ihn im Detail interessiert:

"Ich bin Senior Berater und Projektleiter in einer Kommunikationsagentur."
Einer? Wo doch schon einleitend kommuniziert wird, dass er auf die Tipps seines Chefs antwortet.

"Wann fangen wir an, realistisch zu kommunizieren, wie wir arbeiten? Normalerweise kommen wir übermüdet ins Büro, da wir am Tag zuvor wieder bis in die Puppen am Schreibtisch gesessen haben, um alle Abgaben rechtzeitig zu schaffen - für ein Projekt, das binnen viel zu kurzer Zeit erledigt werden musste."
Schnuppert man hier nicht den Hauch von Abenteuer? Wer denkt da nicht an die tickende Bombe unter dem Kinderwagen? Welches Kabel ist es? Es ist ein Code, ein Code! Oder an Scotty, der mindestens drei Tage braucht, um den WARP-Antrieb mit dem Anti-Materierefusor mit der Gravitation der interstellaren Turbulenz zu synchronisieren, von Capt'n Kirk dafür aber höchstens fünf Stunden bekommt und es immer wieder gerade so noch schafft?

"Wir sind eben nicht den ganzen Tag nur am Brainstormen. Zu unserem Alltag gehören auch langweilige, verwaltende Aufgaben und niemals enden wollende Abstimmungsschleifen und Diskussionen. Wir erarbeiten tage- und nächtelang Konzepte für großartige und innovative Kommunikationsmaßnahmen, die am Ende im Papierkorb landen, weil der Kunde doch etwas anderes will."
Hm, da ich den Herrn nicht kenne, kann ich nichts zur Beratungskompetenz sagen, aber Fragen hätte ich.

"Es ist ein verdammt harter Job, und wir brauchen ein dickes Fell, um täglich aufs Neue bestehen zu können."
Navy CIS? Navy Seals? Auf jeden Fall etwas mit höchster Alarm- und Dringlichkeitsstufe. Was auch erklärt, dass sein Chef anders tickt. Er ist 52, Ralf Junge 30. Und wie wir aus Lethal Weapon wissen, ist man erst mit 40 "zu alt für diesen Scheiß."

"Warum tue ich mir das an? Aus Leidenschaft für die Arbeit, nicht jedoch für den Job. Es begeistert mich immer wieder aufs Neue, Geschichten zu schreiben, die für Gesprächsstoff sorgen, Botschaften und Strategien für Produkte zu entwickeln."
Wenn ein Berater Geschichten schreibt, ist er selber schuld. Dazu gibt es Werbetexter oder eben "Content Provider", wie es im Falle der Agentur wohl heißt, da sie ja keine Werbeagentur ist, sondern eine "Agenturgruppe für Creative Content" (WTF), weshalb sie ja auch "Gesprächsstoff zum Clicken" produzieren (- mit kreativem, äh: creativem C). Aber immerhin erclärt es, warum er mit seinem Zeitmanagement nicht hinkommt, schließlich macht er den Job eines anderen. Und solange keiner ihrer Geschichtenerzähler für ihn die Organisation und das Rechnungswesen und das Zusammenschustern der Präsentation übernimmt, übernimmt er sich halt.

"Der Beruf des Werbers ist immer noch spannend. Aber wir sollten für ihn nicht mit irreführender Werbung werben."
Wow, wenn das mal nicht mega-authentisch ist, also absolute "loft-credibility" besitzt. Supi. Eine Art "Endlichsagtsmaleiner" der Generation IMM.

Also wir können nur den Hut ziehen - vor fischerAppelt. Sie haben alles richtig gemacht. 1a-Employer Branding.

Als Chefred des Spiegels hingegen ... naja ... wenn deren Kunden dafür Werbung in den Verlagsmedien buchen ... war es ja auch nicht verkehrt.
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Kommentare

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Frank Behrendt:

Lieber Herr Walkenhorst,
Chapeau für dieses wunderbare Stück! Ein Genuss das zum (Feier)Abend zu lesen!
Ich hab laut gelacht vorm Rechner - herrlich!
Einen entspannten Abend, ich hab ihn-:)
Cheers
Frank Behrendt
20:16

Heiko:

Lieber Herr Behrendt,

gern geschehen.
Steilvorlage.
Muss man machen.

Und falls der Kollege oder Sie mal Unterstützung brauchen, wissen Sie ja, wie & wo Sie mich kriegen können.

Bis die Tage,

Heiko
"Godmaster of Simplicity"
22:04

Frank Behrendt:

We'll keep it in mind Godmaster of Simplicity????
Die Macht sei mit uns????
"Der Guru der Gelassenheit"
23:27

Frank Behrendt:

Hey Heiko,
Nur damit Du keine schlaflose Nacht hast: Die ??? Haben keine inhalliche Bedeutung und auch nix mit Justus, Peter und Bob zu tun - Dein System übersetzt so das Emoji mit dem positiven Daumen...
Cheers
Frank
23:38

Heiko Walkenhorst:

Vielen Dank für die prämorpheutische Klarstellung.
09:10

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