Freitag, 27. November 2009Social-Media-Studie 2009Während für viele Unternehmen Blogs und Foren noch ein Buch mit sieben Siegeln, wenn nicht gar ein völliges Mysterium, darstellen, entstehen täglich neue Social-Media-Quellen. Bestehende Blogs und Foren werden bei den Internetnutzern immer beliebter und ergänzen (oder bedrohen - je nach Sichtweise) die klassischen Medien. Während die klassischen Medien häufig mit Ablehnung und Kritik reagieren, fehlt es der Blog- und Forenszene an einer Lobby. Bereits 2008 habe ich Blog- und Forenbetreiber nach Ihrer Sicht der Dinge befragt. Die Bereitschaft, an der Studie teilzunehmen war enorm und die Ergebnisse äußerst interessant. Daher lag die Idee nahe, in 2009 eine weitere Studie durchzuführen, die nun vorliegt und kostenlos auf der Website der infospeed GmbH herunter geladen werden kann. Die Studie sollte einen vertiefenden Einblick in das Thema "manipulierte Einträge" liefern. Abgesehen von Werbeeinträgen, die meist in Form von Links gesetzt werden und daher schnell zu erkennen sind, fällt es schwer, anhand klarer Kriterien festzustellen, ob es sich um einen gekauften bzw. verdeckten Werbebeitrag handelt. Nach den Ergebnissen der Studie ist die stilistische Ausdrucksform noch das eindeutigste Kennzeichen. Zudem zeigte sich, dass die Foren- und Blogbetreiber diese Art der Qualitätsprobleme bereits erkannt haben und bemüht sind, diese zu beheben. So befassen sich zum Beispiel Forenbetreiber immer stärker mit dem Thema, wie sie ausgesperrte User bei erneuter Registrierung schneller und besser identifizieren können. Insgesamt wird von Seiten der Betreiber aber auch berichtet, dass solche "manipulierten Einträge" eher selten vorkommen. An dieser Stelle möchte ich noch einmal meinen Dank an alle Studienteilnehmer aussprechen und würde mich freuen, auch in 2010 eine weitere Studie durchzuführen. Zudem hoffe ich natürlich, dass die Studie zu zahlreichen Diskussionen und weiteren Anregungen führt. Ihr Matthias Fank Weiterführende Links: Download der Studie Pressemitteilung zur Social-Media-Studie: Schlechtes Ansehen von Foren und Blogs Donnerstag, 8. Januar 2009Dramatic Shift in Marketing RealityScholz & Friends Strategy Group. Die Digitalisierung hat die Mediennutzung dramatisch verändert und dem bisher eher passiven Konsumenten neue Möglichkeiten gegeben, sich zu engagieren. Und er macht Gebrauch davon. Ob als aktiver Ersteller oder Kommentator, ob per Blog, Youtube oder sonstwo in der so genannten Social Media Welt. Die Konsequenz für Unternehmen: Ihre Marken und Produkte sowie ihre Werbung stehen viel stärker auf dem Prüfstand. Aussagen werden hinterfragt, Missstände aufgedeckt - und schnell weit verbreitet. Kurz: Die Werbewelt ist nicht mehr die gleiche, wie noch wenige Jahre zuvor. Für die meisten ist dies vermutlich keine Neuigkeit und doch hat es den Anschein, dass viele Unternehmen mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten können - zumindest tun sie sich äußerst schwer, auf diesen grundlegenden Wandel angemessen zu reagieren. Die neue Macht der Konsumenten haben einige Marken (schmerzlich) erfahren müssen; Kryptonite, Mentos/CocaCola, WalMart, Sony und aktuell der US-Pharmakonzerns Johnson&Johnson mit dem Schmerzmittel Motrin sowie Pepsi mit der "Selbstmord-Kalorie" sind nur einige der bekanntesten Beispiele. Was also müssen Unternehmen tun, um erfolgreich zu bleiben? Zuerst einmal müssen sie den Wandel als irreversibel, als unumkehrbar, akzeptieren. Und sie müssen lernen, Kommunikation und Werbung nicht (mehr) als Instrument zur Manipulation des Konsumenten zu verstehen. Sie müssen den Mut für eine neue Ehrlichkeit aufbringen, die auch und gerade im Umgang mit eigenen Schwächen und Fehlern nicht endet. Wer dies beherzigt, dem bieten sich neue Chancen, die sich durch den Dialog mit den Konsumenten und der Konsumenten untereinander ergeben: Wer auch zukünftig effizient die Aufmerksamkeit der Konsumenten für seine Marke oder Produkte bekommen möchte, kann sie immer weniger mit medialen Großoffensiven erzwingen (zu teuer! zu wenig effektiv! siehe zum Beispiel die Voll-Plakatierung von Toyota zum Launch des Auris). Statt dessen muss er Themen finden (und besetzen), die sein Publikum interessieren, so dass sie sich freiwillig(!) mit ihm, seiner Marke oder seinem Produkt beschäftigen wollen. Es geht also darum, Teil der Diskussion im Netz zu werden und dazu einen Beitrag zu leisten. Dazu ist es unverzichtbar, ein echtes Interesse am Konsumenten, seinen Einstellungen, Wünschen und Erwartungen zu zeigen und ihm - stärker als bisher - zuzuhören. Die Diskussionen im Netz bieten dazu ausreichend Gelegenheit und die entsprechenden Tools, um diese Diskussionen analysieren und nach Insights auswerten zu können, gibt es auch. Pepsi, um das Beispiel der "Selbstmord-Kalorie" aufzugreifen, hat zugehört - und schnell reagiert. Weitere Positiv-Beispiele: Starbucks bietet die Möglichkeit, sich an der Weiterentwicklung von Produkten und Unternehmensprozessen zu beteiligen oder die mit Effie-Gold belohnte Diskussion-Plattform "Initiative für wahre Schönheit" von Dove ist die Reaktion auf die (von Dove durch TV-Spots und Anzeigen entfachte) Diskussion um natürliche Schönheit. Fazit: Die Veränderung der Medienlandschaft ist für Unternehmen weniger Bedrohung denn große Chance, eine engere Beziehung zu ihren Konsumenten aufzubauen und relevantere Produkte und interessantere Kommunikation zu entwickeln - wenn sie ehrlich kommunizieren und zuhören.
Geschrieben von Gastblogger
in Meta-Marketing
um
12:30
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Donnerstag, 2. Oktober 2008Karoshi, jetzt bald auch in Deutschland*
… neulich sagte jemand zu mir, er wäre ein Fan von Menschen die brennen und ich wußte genau, was er meinte, es gibt Leute die lodern mit einer inneren Energie vor sich hin und in meinem nun knapp 20 jährigen Werberleben durfte ich einigen begegnen. Nun ist es aber auch so, dass die Flamme ihre Nahrung frißt und so beobachte ich in zunehmendem Maße die negativen Seiten der brennenden Werber, die sich den Motten gleich in die Insektenlampe werfen und mit einem, mal größeren, mal kleineren "brrrzzz" verglühen.
Es macht den Eindruck, als würden die Entlassungswellen, die am Anfang dieses Jahrtausends durch die Agenturen rollten ihren Tribut fordern. War man anfangs noch in der Lage die Jobs mit den Verbliebenen auf zu fangen (wenn der Kunde eine Idee nicht mag, dann habe ich eben noch eine andere und dann noch eine und noch eine, denn Ideen, das mache ich beruflich), scheint die Leistungsgrenze nun langsam erreicht. Damals konnten wir den lieben langen Tag in der Agentur sitzen und uns Sachen ausdenken, Bilder malen, Gala, Bunte, Max lesen, Fotos anschauen, Musik hören, uns gegenseitig Geschichten erzählen, Joghurt essen, Püree kochen, Autos probefahren, Berater verärgern, immer erst nach dem Etatdirektor und dem Kunden die Bar verlassen und dann gab es da auch noch jemanden der uns dafür Geld gab, juhu, wir wurden fürs spielen bezahlt! Wir schossen uns in 5 Wochen einmal um die Welt, alles hätte so schön sein können und dann wurden wir immer weniger. Budgets die früher von 10 Leuten bewegt wurden, wurden nur noch von 5 betreut. Planning hielt Einzug in unseren Alltag (mit immer obskureren Insights), Traffic optimierte unsere Auslastung, DTP übernahm das Layout, damit man schneller neue Ideen machen kann. Workshops, Hothouses, Thinktanks, Projectrooms, Mind-Maps, FightClubs und wie sie alle heißen. Tool um Tool wurde implementiert um schneller das Leuchten von Ideen aus den Kreativen zu kitzeln. Plötzlich mussten wir so viel spielen, dass es uns zu den Ohren heraus kam. Manchmal wollte man einfach nur schlafen. Das Leben rationalisierte sich weg um Platz für Schlaf zu haben. Geliebte Freizeitbeschäftigungen (an sich schon etwas verwerfliches für Werber, es sei denn man geht ins Kino um mehr über Film zu lernen) wurden nach und nach weg rationalisiert. Aber der Beruf machte immer noch genug Spaß um auch ohne Privatleben glücklich sein zu können. Eine Art Stockholmsyndrom für Überstunden. Anfangs hatte ich einen Ziehvater, einen streitbare, wundervollen Irren der mir immer das Gefühl gab, ich darf Fehler machen, solange ich nur bescheid gebe, wenn es droht in die Fritten zu gehen, der mir Sachen beibrachte, der auch Spaß an Ideen hatte, der mir den Kopf wusch, wenn ich einen Idioten aus mir machte. Wir waren eine große glückliche Werberfamilie, ein kreativer Streichelzoo. Dann trennte man mich von meinem Partner, so kann man mehr Etats betreuen. Dann verschwand der Ziehvater und wir standen allein auf weiter Flur, mussten alles alleine können, musste immer wieder aufs neue den neuen Menschen beweisen, dass wir wissen was wir tun. Ich zerfleischte mich damit, meiner eigenen Vorstellung vom idealen CD gerecht zu werden, andere griffen zu aufputschenden Substanzen, die auch bei der Tour de France dazu führten, dass Menschen tot vom Rad vielen. Geschäftsführer wechselten mit den Jahreszeiten, Ziehväter, die einen seit 5 Jahren kannten und pflegten gab es nicht mehr, denn das Personalkarussell drehte sich viel zu schnell. Die Kundenberater verloren immer mehr an Selbstvertrauen, die Planner nahmen ihnen das Denken ab, die Marktforschung das Beobachten und die Kreativen verstanden sie schon lange nicht mehr. (Ich kenne genau 3 großartige, brennende Kundenberater, ich freue mich mit ihnen mal gearbeitet zu haben, aber auch um die mache ich mir Sorgen.) 3 Jahre ist es noch halbwegs gut gegangen, aber nun häuft es sich. Ein langjähriger Kollege, der die offizielle Kostenübernahme seiner Krankenkasse vorweisen konnte, dass ein Aufenthalt in einer Burn-Out Klinik nun das Mittel der Wahl sei, bekam von seiner Agentur mitgeteilt, dass es im Moment gerade sehr ungünstig käme, wo man doch noch so viele Pitches vor der Tür hat. Klinikaufenthalte werden verkürzt und wer in den 90ern früher aus dem Urlaub geholt wurde, wird heute früher aus dem Burn-Out zurückbeordert. In einem anderen Fall war jemand ein halbes Jahr in der Klinik, ebenfalls Burn-Out, im Anschluss blieb aber keine Zeit, neben dem Job noch das Coaching zu machen und nun warten wir auf das nächste Brennen. Knapp 30-jährige fallen mit Herzversagen im Meeting um und überleben nur mit Glück. Gelegentlich soll das Koma helfen zu vergessen, wie und wo es soweit gekommen ist. Jetzt lernte ich eine neue Form kennen, die Burn-Out-Depression … ist auch nicht schön mit an zu sehen. Tinnitus und Bandscheibenvorfall scheinen neuerdings ähnlich ansteckend zu sein, wie früher eine Magen-Darmgrippe. Herzrythmus-Störungen sind längst bei den 25-35 jährigen angekommen. Und das Problem, was sich abzeichnet ist, dass man, wenn man es geschafft hat aus solcher Krise wieder hervor zu kommen, leider nie wieder so zurück kann, in den geliebten Beruf, wie man ihn verlassen hat. Also beobachte ich seit einiger Zeit all die tollen, brennende Menschen um mich herum misstrauisch, ob auch bei ihnen schon die ersten Rauchwölkchen aus den Ohren steigen … und bin mir nicht mehr so sicher ob ich brennende Menschen immer noch so toll finde, oder mir lieber Sorgen um sie mache. * Anfang der 90er Jahre wurde in Japan das erste mal der "Tod durch Überarbeitung" (dort gibt es sogar ein eigenes Wort dafür: Karoshi) auch im Falle eines Selbstmordes anerkannt und, wen wundert es, alles geschah in einer Werbeagentur. Freitag, 19. Oktober 2007Das Patent (12)
Christine Kienhöfer zündete sich eine Zigarette an und sah in die erwartungsvollen Gesichter ihres Cheftüftlers und ihres Geschäftsführers. „Wer sind wir heute, wo stehen wir im Jahr 2020? Ich denke, es ist an der Zeit, sich darüber wieder Gedanken zu machen.“ Gemeinsam saßen sie im Jagdzimmer ihres Elternhauses, das einst der passionierte Jäger Klaus Kienhöfer mit Trophäen geschmückt hatte. Hier waren schon viele wichtige Geschäftsabschlüsse besprochen und unzählige Kunden empfangen worden. An den holzgetäfelten Wänden hingen Bärenfelle und Hirschgeweihe, über der Kopfseite des Tisches prangte das Haupt eines gewaltigen Keilers. An kaum einem anderen Ort konnte man so passend ein Viertele Trollinger-Lemberger schlürfen und die Ideen sprudeln lassen, zumal mit Aussicht auf die selbstgemachten Maultaschen des Ehemanns von Christine Kienhöfer, der als versierter Hobbykoch die Küche unsicher machte.
Winfried Richter setzte sein Viertele-Glas ab und dachte nach. Die Ausgangssituation von Felss war denkbar gut. Fünf Unternehmen prosperierten unter dem Dach der Gruppe, aus der ursprünglich einen Handvoll Mitarbeiter waren mittlerweile fast 500 Beschäftigte geworden. Er wusste, dass Christine Kienhöfer stolz war auf ihr Team: Da gab es gut ausgebildete, hoch motivierte Nachwuchskräfte genauso wie langjährige Mitarbeiter, deren Fachwissen und Erfahrung für das Unternehmen unentbehrlich waren. Zudem arbeitete die Führungsriege effizient und souverän – mit dieser Belegschaft konnte man mutig in die Zukunft gehen. Jetzt ging es darum, diese Zukunft zu gestalten. ![]() Abrupt riss Christine Kienhöfer ihn aus seinen Überlegungen. „Meine Herren, was schlagen Sie vor?“, fragte sie mit einem Lächeln. Darauf hatte Binhack nur gewartet. „Beim Automobil steht die nächste Phase des Leichtbaus bevor“, schwärmte er. „Und wir wissen doch, wie man Bauteile leicht macht! Das eröffnet uns unzählige Möglichkeiten!“ Die Kunden legten immer mehr Wert darauf, bei den hohen Stahlpreisen nicht auch noch eine Menge Abfall zu produzieren, erklärte er. „Wir setzen neue Maßstäbe“, warf Richter begeistert ein. „Wir halbieren den derzeitigen Einsatz von Ressourcen. Der Kunde spart, die Natur wird geschont, wir lösen eine Effizienzrevolution aus!“ Auf dem richtigen Weg waren sie schließlich schon längst: So hatte ein Großkunde aus der Automobilbranche in den vergangenen zehn Jahren mit Hilfe von Felss sage und schreibe 25.000 Tonnen Stahl eingespart, weil Antriebswellen, aber auch Kopfstützbügel und Stoßdämpferkolbenstangen durch den Einsatz der Felss’schen Technologie stabil und leicht zugleich gefertigt wurden. Die Natur konnte für diese Art der Effizienz als meisterliche Inspiration dienen, das wusste Christine Kienhöfer. Man musste nur an die Bionik denken, bei der sich Wissenschaftler und Ingenieure an der Natur orientierten, um technische Neuerungen zu entwickeln. Da stand dieKlette Pate für den Klettverschluss; mit der imitierten Struktur derHai-Haut auf den Tragflächen senkte man bei Flugzeugen den Luft-widerstand und sparte Kerosin; Autoreifenentwickler nahmen sich Katzenpfoten zum Vorbild, um auf der Straße mehr Haftung zu erzielen. „In der Schatztruhe der Natur liegen Millionen Produktideen und Verfahrensweisen verborgen“, fasste sie zusammen. „Wie wäre es, auch nur einen Teil dieses erstaunlichen Schatzes zu heben, indem wir uns bei der Entwicklung neuer Produkte die Errungenschaften der Evolution zum Vorbild nehmen?“ Winfried Richter begann bereits, Stichworte zu notieren. Bald häuften sich Papiere mit Notizen am Rand des großen Holztisches und es wurde Wein nachgeschenkt. ![]() Unterdessen schweiften Binhacks Gedanken ab. Voller Stolz ließ er die vielen Patente für die Firma Felss Revue passieren, die auf seinen Erfindungen beruhten, die zahllosen Ideen, die er jedes Mal aus dem Urlaub mitbrachte, und das eine besondere Patent, das nun so erfolgreich bestätigt worden war. Sein Blick blieb an den gewaltigen Hauern des Keilers hängen, der die Wand gegenüber zierte. Unwillkürlich musste er an ein Buch über die Gestaltprinzipien der Natur denken, das er erst neulich gelesen hatte. Das Grundprinzip war bei vielen Strukturen ähnlich einfach, aber höchst effektiv: Wo von der Belastung her eine Überbeanspruchung entstand, fügte die Natur Material hinzu. Bei einer Unterbeanspruchung wurde Material abgebaut, und zwar gleichgültig, ob es sich um eine Astgabel handelte, um die Kralle eines Schwarzbären oder um einen Wildschweinhauer. Fritz Binhack stutzte, schob den Stuhl zurück und stand auf, um sich den Hauer des Keilers genauer anzuschauen. Vorsichtig strich er mit dem Zeigefinger über die Wölbung und befühlte das Material. Äußerst seltsam. Es konnte doch nicht … Ging das an? Die Lösung konnte unmöglich so einfach sein. Das Patent (Trailer) Das Patent (11) "Das Patent (12)" vollständig lesen Donnerstag, 18. Oktober 2007Das Patent (11)![]() Sechs Maßkrüge reckten sich in den bayrisch-blauen Münchner Himmel. Im Gerichtssaal hatte sich das Team zurückhalten müssen, um nicht in Fußballmanier siegreich die Fäuste zu ballen und sich gegenseitig abzuklatschen. Nun saßen sie im Biergarten, die Jacketts über die Lehnen gehängt, die Krawattenknoten gelockert. Mit Frau Kienhöfer und Fritz Binhack hatte Richter bereits telefoniert, um ihnen die gute Nachricht zu überbringen. „Der Gegner wirkte nach dem Urteil ziemlich geknickt“, hatte er den beiden berichtet, „aber dass er uns zum Sieg gratuliert hat, fand ich schwer in Ordnung.“ Alle teilten sie Richters Einschätzung, dass das Patent aus der Sache gestärkt hervorgegangen war. „Es ist paradox“, fasste er zusammen, „aber unsere Technologie ist jetzt noch mehr wert als vorher. Durch die Bestätigung des Bundespatentgerichts wurde sie sozusagen geadelt. Auch wir als Team und das Unternehmen sind gestärkt aus der Sache hervorgegangen.“ Optimale Voraussetzung, wie er fand, sich wieder derZukunftsplanung bei Felss zu widmen. Schließlich gab es genug zu tun. Das Patent (Trailer) Das Patent (10) Mittwoch, 17. Oktober 2007Das Patent (10)
„Wie Sie wissen, hat der Kläger zweifelsfrei nachzuweisen, dass das Patent zu Unrecht erteilt wurde“, hob der Vorsitzende an, sobald sich die Türen geschlossen hatten, und sah in die Runde.
Der Senat konnte jedoch nicht feststellen, dass der Fachmann am Anmeldetag des Streitpatents dem Aufsatz ‚Impulshydraulische Blechumformung‘ von Börker eine Vorrichtung entnommen hat, bei der eine Frequenzerzeugungseinrichtung mit der Vorschubeinrichtung derart zusammenwirkt, dass die Relativbewegung zwischen einem Werkstück und einer Verformungsmatrize abwechselnd einen Vorwärtshub in eine Richtung und einen Rückwärtshub in der dazu entgegengesetzten Richtung durchläuft.“ Er hielt inne und wandte sich an die Kontrahenten. „Es ergeht deshalb folgendes Urteil: Die Klage wird zurückgewiesen, der Kläger trägt die Kosten des Verfahrens.“ ![]() Das Patent (Trailer) Das Patent (9) Dienstag, 16. Oktober 2007Das Patent (9)
Nach dem Vortrag des Gegners waren sie endlich an der Reihe, dem Gericht die Felss’sche Auffassung darzulegen.
Die Argumente reihten sich nahtlos aneinander: Börker las sich auf den ersten Blick relevant, aber es reichte eben nicht, einzelne Aussagen aus dem Gesamtzusammenhang herausgerissen zu betrachten und daraus abzuleiten, dass die Erfindung durch ihn vorweggenommen worden war. Das Gericht musste doch sehen, dass es sich in dieser Sache um den klassischen Fall von rückschauender Betrachtung in Kenntnis des Patents handelte! Schlüsselbegriffe aus dem Patent hatten zur Entdeckung einer auf den ersten Blick ähnlichen wissenschaftlichen Arbeit geführt. Was dann noch nicht ganz passte, wurde kurzerhand passend gemacht – und schon war man bei Börker. Der vorsitzende Richter murmelte seinem Beisitzer etwas ins Ohr. Beide hatten schon zu Beginn des Vortrags von Felss aufgehorcht, der Beisitzer hatte immer präziser und differenzierter nachgehakt. Winfried Richter wusste, dass Bauchgefühl im Gerichtssaal fehl am Platz war. Doch als er seinen Kollegen einen Blick zuwarf, erkannte er, dass sie es auch so empfanden: Sie hatten das Gericht aufgerüttelt. ![]() Ob Aufrütteln alleine reichen würde? Winfried Richter stocherte lustlos in seinem Moussaka herum. Das Gericht hatte nach dem Plädoyer von Felss beschlossen, das Mittagessen einzuläuten. „Meine Herren, die Kantine schließt in fünfzehn Minuten. Deshalb machen wir an dieser Stelle eine verlängerte Pause, in der wir über das Gehörte beraten werden“, hatte der Vorsitzende verkündet und seine Unterlagen zusammengepackt. Nun saßen sie draußen vor der Kantine des Bundespatentgerichts in der Sonne, versuchten zu essen und die anderen jeweils nicht mit der eigenen Nervosität anzustecken. Immer wieder spielten sie die eigenen Argumente und die Äußerungen des Gerichts durch. Keiner von ihnen konnte ahnen, dass sie an diesem Tag noch weitere, sehr viel zähfließendere Minuten mit zermürbender Warterei verbringen würden. Der Vorsitzende des Senats räusperte sich. „Es ist noch nichts entschieden, aber wir können unsere Haltung vom Vormittag nicht mehr aufrecht- erhalten“, begann er nach der Mittagspause. „Ein ausführlicher, gut vorbereiteter Vortrag hat auch auf uns als Gericht eine Wirkung.“ Ob die Parteien noch etwas Wichtiges zur Beschlussfindung beizutragen hätten? Nein? „Dann schließe ich hiermit die mündliche Verhandlung. Das Gericht zieht sich zur abschließenden Beratung zurück.“ Dafür, dass Winfried Richter sonst so zurückhaltend war, schaute er nun ausgesprochen zuversichtlich drein. Auch wenn sie sich ihrer Sache noch so sicher gewesen waren, die Aussage des Gerichts am frühen Morgen hatte ihnen doch einen kurzen, aber heftigen Dämpfer verpasst. Dabei war es ganz klar: Selbst wenn das Gericht auch nur zweifelt, muss es sich schon für Felss entscheiden – in dubio pro Patent, sozusagen, überlegte er zum wiederholten Male. ![]() Die Mannschaft stand erneut auf dem Flur, diesmal hielt es niemanden mehr auf den Stühlen entlang der Wände. Alle waren sie gleichermaßen euphorisch und ungeduldig. Wie musste man sich eigentlich bei der Urteilsverkündung verhalten? Aufstehen? Sitzen bleiben? Eines jedenfalls war sicher: Schon bei den ersten zwei Worten des Richters würden sie wissen, wie das Urteil ausfiel. Begann er mit „Das Patent …“, war es die Niederlage, weil er mit „… wird für nichtig erklärt“ weitermachen würde. Begann er jedoch mit „Die Klage …“, würde er fortfahren „… wird zurückgewiesen.“ Eine halbe Stunde später, und die Aufregung und Euphorie der Mannschaft waren betretenem Schweigen gewichen. „Es dauert zu lange, das gefällt mir nicht“, hatte Winfried Richter bereits nach zwanzig Minuten zerknirscht angemerkt. Dreißig Minuten hatte das Gericht für die abschließende Beratung angekündigt. Es gab keinen ersichtlichen Grund, länger zu brauchen – es sei denn, die Entscheidung wäre wirklich schwer zu treffen. Dann aber konnte sie genauso gut gegen Felss fallen. Richter spürte die ganze Last der Machtlosigkeit, in diesem Moment nichts mehr unternehmen zu können. Die allgemeine Begeisterung war verflogen. Stattdessen versuchte jeder, der eigenen Befürchtungen Herr zu werden. Wechselweise tigerten sie auf und ab, starrten aus dem Fenster, nahmen nervös etwas zu lesen in die Hand, nur um es wieder wegzulegen, tippten in ihre Handys oder marschierten zum x-ten Mal in Richtung Toilette. An Smalltalk mit den Kollegen war nicht mehr zu denken. Richter wünschte, er hätte das Moussaka nicht angerührt, das ihm so schwer im Magen lag. Vielleicht war doch alles umsonst gewesen. Eineinviertel zermürbende Stunden wurden sie nun schon auf die Folter gespannt. Als der Gong endlich ertönte und eine Männerstimme mit stark bayrischem Akzent die Parteien aufforderte, den Gerichtssaal zu betreten, fühlte er sich wieauf dem Gang zum Schafott. Die alte Juristenweisheit ging ihm nicht aus dem Sinn: „Vor Gericht und auf hoher See sind wir in Gottes Hand.“ Das Patent (Trailer) Das Patent (8) Montag, 15. Oktober 2007Das Patent (8)
Kostenlose Mitbenutzung“, beharrte der Gegner vor der Tür des Gerichtssaals. Winfried Richter straffte die Schultern und sah ihm fest ins Gesicht. Wenn das der Showdown sein sollte, dann bitte. Vor dem inneren Auge des Geschäftsführers tauchten wie im Schnelldurchlauf die unzähligen Gründe auf, wegen derer er das Patent bis zuletzt verteidigen würde. Die Felss-Mitarbeiter, die voller Stolz auf das Verfahren ihr Bestes gaben. Die Entwicklungsmannschaft mit ihrem leidenschaftlichen Engagement für die Aximus und die anderen Produkte. Die Jungs aus der Versuchsabteilung, die es immer aufs Neue darauf anlegten, bestehende Verfahrensgrenzen zu sprengen. Der Vertrieb, der bisher stets mit einer einzigartigen Technologie auftrumpfen konnte. Fritz Binhack, ohne den es die Erfindung nicht gegeben hätte. Und schließlich Christine Kienhöfer, die den Laden zusammenhielt. Einer alleine ist keine Fabrik, dachte Richter, und er wusste, dass sie nicht umsonst nach München gefahren waren. „Wir sind von der Rechtsbeständigkeit unseres Patents überzeugt“, sagte er leise, aber mit gefährlichem Nachdruck. „Wir sind heute hierhergekommen, um dieses Patent zu verteidigen und den Prozess zu gewinnen.“ Es würde keine außergerichtliche Einigung geben, nicht an diesem Tag, nicht in dem sonnendurchfluteten Flur des Bundespatentgerichts. Seine Mannschaft würde den Senat überzeugen.
![]() Das Patent (Trailer) Das Patent (7) Sonntag, 14. Oktober 2007Das Patent (7)
Wäre Winfried Richter von der Rechtsbeständigkeit des Patents nicht absolut überzeugt gewesen, der erste Satz des Gerichts hätte ihn verzweifeln lassen.
Nach unserer Vorbesprechung neigen wir dazu, der Klage stattzugeben. Das heißt, der Patentinhaber dürfte es sehr schwer haben, sich zu behaupten.“ Der Vorsitzende des zuständigen Senats schob einen Stapel Papiere zusammen und schaute über den Brillenrand in Richtung der Beklagten. Dort saßen sie, die sechs Leute der Felss-Mannschaft. „Kurz gesagt, das Patent wird aller Wahrscheinlichkeit nach fallen. Wollen Sie denn unter diesen Voraussetzungen nicht doch noch mal in Erwägung ziehen, Vergleichsgespräche zu führen?“ Das saß. Sie hatten gewusst, dass die Verhandlung kein Spaziergang werden würde, aber mit dieser Abfuhr gleich zu Beginn hatten sie nicht gerechnet. Winfried Richter wechselte einen kurzen Blick mit seinen Mitstreitern. „Jetzt erst recht!“, bedeutete er ihnen, indem er fast unmerklich aufmunternd mit dem Kopf nickte. Unterdessen hatte der Vorsitzende bereits den Stuhl zurückgeschoben und seine Akten unter den Arm geklemmt. „Ich möchte die Parteien bitten, sich auszutauschen. Sie haben eine halbe Stunde Zeit.“ Winfried Richter konnte förmlich spüren, wie seine Leute die Schultern hängen ließen. Dieses viel zu frühe Gegentor verhieß nichts Gutes. Zum Glück war Binhack nicht dabei – die Einschätzung des Gerichts, dieser Nackenschlag, der das Aus für seine Erfindung bedeuten konnte, hätte ihn bestimmt gehörig in Rage gebracht. Das musste er wohl selbst geahnt haben, denn für den Tag der Verhandlung hatte er Urlaub beantragt. Es war an Winfried Richter und seinen Kollegen, die Ehre Binhacks, sein Wissen und das Patent von Felss zu verteidigen. ![]() Schließlich hatte der Tag so gut begonnen! Am Morgen malte die Sonne helle Streifen durch die hohen Fenster des Bundespatentgerichts in der Münchner Cincinnatistraße auf die grauen Flure, als der Gegner gemeinsam mit seinem Anwalt vor Verhandlungsbeginn die Treppe hochkam, während die Felss-Leute bereits den zweckmäßig bestuhlten Gerichtssaal erkundet und sich so gut wie möglich eingerichtet hatten. Unterlagen, Powerpointpräsentation, Materialproben – alles hatten sie im Gepäck. Und noch mehr: Nach Richters Überzeugung waren sie diejenigen, die ganz klar belegen konnten, dass Börkers Artikel für das Patent in keiner Weise von Bedeutung war. Natürlich war in dem Text von „Rückhub“ die Rede. Allerdings hatte Börker den Begriff noch im selben Satz relativiert. „Rückhub, d. h. die kurz-zeitige Entlastung …“ Hatte man erst mal den vollständigen Artikel durchdrungen, so wie Richter und seine Leute während ihrer intensiven Vorbereitung, dann erwies sich Börker für das Patent als irrelevant – auch wenn das Gericht offenbar schon zu einem anderen Schluss gekommen war. Das Patent (Trailer) Das Patent (6) Samstag, 13. Oktober 2007Das Patent (6)
Das hier hat nichts, aber auch rein gar nichts mit meiner Erfindung zu tun!“, rief Binhack wütend und schlug mit der flachen Hand auf die vier Blätter, die auf seinem Schreibtisch verstreut lagen. Unzählige Male hatten er und der Geschäftsführer in den vergangenen eineinhalb Jahren mit rauchenden Köpfen über immer derselben wissenschaftlichen Arbeit gesessen. „Impulshydraulische Blechumformung“ stand oben auf dem ersten Papier und darunter „Von Ing. (grad.) A. Börker, Wiesbaden“. Winfried Richter pflichtete Binhack bei. Die Veröffentlichung des Herrn Börker konnte zwar auf den ersten Blick mit dem Patent in Verbindung gebracht werden, aber mehr auch nicht. Relevant konnte eigentlich nur ein einziger Satz sein. „Der Rückhub, d. h. die kurzzeitige Entlastung während der jeweils an-liegenden Frequenz, wurde über zwei Führungszylinder durchgeführt“, hieß es auf der zweiten Seite von Börkers Arbeit. „Rückhub“, das musste der Ausdruck sein, auf den die Konkurrenz ihre Behauptung stützte.
Allerdings: Auf der gegnerischen Seite schien man sich der Sache ziemlich sicher zu sein, denn mittlerweile war die Klage des Konkurrenten bei Felss eingetroffen. Recht haben und Recht bekommen waren zwei unterschiedliche Paar Schuhe, das wusste Richter. Außerdem ging es nicht nur um die Klage, die den gesamten Betrieb so aufbrachte. Es waren vielmehr die Rückmeldungen von Kunden, die den Mitarbeitern in den vergangenen Monaten immer wieder zu Ohren kamen. „Ihr habt doch gar kein Patent mehr für das Axialformen“, hieß es. Dabei hatten die Kunden die Präzision des Verfahrens stets gelobt und auf Felss vertraut, das belegten alleine schon die Absatzzahlen der AFV-und AFH-Baureihen. Auch das große Interesse an der Aximus ließ sich gut an. Sie hatten die Neuentwicklung im April auf der Fachmesse Tube in Düsseldorf präsentiert und waren auf eine enorme Resonanz gestoßen. Ein amerikanischer Kunde hatte die elegante Anlage sogar als „the sexiest machine on the show“ bezeichnet. Kein Wunder, denn mit der Aximus hatte Felss die kühne Erfindung Binhacks auf die Spitze getrieben. Ob schlank, hohl, lang auskragend – die Maschine verzahnte Bauteile in Toleranzbereichen, von denen man zuvor nur hatte träumen können. ![]() Doch wie sollte Felss mit einer einzigartigen Technologie für sich werben, wenn das Patent plötzlich angreifbar wäre? Richter beugte sich wieder über den Text und stützte den Kopf in die Hand. Er würde ein Team um sich sammeln und die Gegenwehr organisieren. Das Patent ohne Widerstand aufzugeben war weder sein Stil noch der des Unternehmens, so viel stand fest. In gewisser Weise konnte man sogar stolz auf die Klage sein – wozu hatte Felss die Erfindung schließlich geschützt? „Wissen ist ein Schatz, der seinen Besitzer überallhin begleitet“, pflegte Fritz Binhack zu sagen. Dieses Wissen würden sie verteidigen. Das Patent (Trailer) Das Patent (5)
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