Der Goldene Windbeutel

Ernste Menschen sind einfach nur furchtbar langweilig. Sie haben keinen Spaß, dafür Recht. Na toll.

Schade eigentlich, denn ihr Ansinnen ist ja oftmals gar kein schlechtes. Aber die Spießig- und Bräsigkeit ihrer Kommunikation ... schnarch. Naja, zum Glück finden die Initiatoren des "Wettbewerbs" zur dreistesten Werbelüge des Jahres ja in den Medien auf ihresgleichen: die Gralshüter des Guten, des Wahren - ist ja auch immer so eine Sache mit der Selbstwahrnehmung. Wie dem auch sei, durch diese Multiplikatorenwirkung wird sichergestellt, dass uns der Wutbürger erhalten bleibt und er im WWW seiner Meinung Ausdruck verleiht statt das Produkt seiner Missgunst einfach links, genauer gesagt: im Regal liegen zu lassen. Aber einfache Lösungen sind ja der ernsten Menschen Sache nicht.

Der Goldene Windbeutel

Und mit der Kreativität haben sie es auch nicht so. Oder doch? Wahrscheinlich. Wahrscheinlich sind es diese oberstudienrätinnenlegitimierten Wortspiele wie "abgespeist" und eben "der Goldene Windbeutel", die die Zielgruppe ansprechen und bei ihr für moralgestählte Mentalwellness sorgen - nicht zuletzt durch die Integration dieser aperçus des Höheren Dienstes in dem Lexemfeld zusammen mit fast schon anachronistisch anmutenden Attributen wie "unrühmlich" sowie "dreist", das hier natürlich nur im Superlativ als Attribut zu "Werbelüge" auftritt. Zugrunde liegt hier die selbe Sprachgewalt, die satirische Schriftbeiträge gerne als "mit spitzer Feder" beschreiben. Kreativität von Flaschen in kleinen Dosen.

Wie gesagt: eine an sich gute Sache. Aber, herrjeh, wie schrecklich bemüht - und zum Teil befremdlich. So wirbt deren Internetseite mit dem Satz "abgespeist.de entlarvt Werbelügen auf Lebensmitteln" und lädt ein "Laden Sie hier unsere komplette Mogel-Liste herunter."

- Hmmm, was sind "Werbelügen auf Lebensmitteln"? Die Farbe des Gemüses, des Obstes?
- Wodurch unterscheiden sich "Lügen" von "Werbelügen"? Wenn ja, was ist schlimmer?
- Und die, die entlarven, bieten ihrerseits eine "Mogel-Liste" an. Das deucht befremdlich. Wird da mit zweierlei Maß gemessen bzw. gelogen?

Naja, schauen Sie es sich selbst an. Zur Wahl stehen mit Begründung:

Nimm2 von Storck.
    „Nimm2“ von Storck, die Bonbons, die nicht nur süß, sondern auch noch gesund sein wollen: Der Hersteller rührt einen künstlichen Vitamincocktail in die Bonbonmasse – und will „Nimm2“ damit „gesundwerben“. Doch die zugesetzten, angeblich „wertvollen Vitamine“ sind in der Regel völlig überflüssig und werden ganz einfach wieder ausgeschieden. Dafür lernen Kinder, dass sie ihren Vitaminbedarf auch mit Süßigkeiten statt mit Obst und Gemüse decken können. Das foodwatch-Fazit: Ein Bonbon bleibt ein Bonbon bleibt ein Bonbon.

Fangen wir mit dem Richtigen an: dem Fazit. Ein Bonbon ist ein Bonbon ist ein Bonbon. (Ist es nicht herrlich wie omnipräsent Getrude Stein heute noch sein kann? A rose is a rose is a rose) Nun sagt ja keiner was anderes. Das kann also die Werbelüge nicht sein. Was ist es dann? Dass Kinder lernen, dass sie ihren Vitaminbedarf auch mit Süßigkeiten statt mit Obst und Gemüse decken können? Von wem lernen sie das? Von der Werbung? Wenn dem so ist, sollten unregelmäßige Verben, chemische Formeln, historische Ereignisse nie mehr gelehrt, sondern nur noch beworben werden. Ein so schneller wie nachhaltiger Lernerfolg schreit ja geradezu danach, hierdurch Deutschlands Position bei den PISA-Tests zu verbessern. Oder sind es doch die völlig doofen und verantwortungslosen (Groß-)Eltern, die keinen Bock haben, sich mit ihrer Brut auseinanderzusetzen oder ihnen eben Obst und Gemüse (gern auch geschnitten und geschält aus dem Plastikbehältnis) zu essen zu geben? Ist jetzt Storck schuld, dass die Eltern statt eine Mahlzeit zubereiten lieber einen Beutel aufreißen? Oder dass Vitamine "ganz einfach wieder ausgeschieden" werden? Dass macht der Körper auch mit Vitamin C, wenn sein aktueller Bedarf gedeckt ist. Haben also diese Kinder schon genug Vitamine zu sich genommen? Hmmmm....

Schlemmertöpfchen Feine Gürkchen von Kühne
    außen Tradition, innen modernste Lebensmitteltechnologie. Obwohl Aromen und ein Farbstoff drin stecken, werden die Gewürzgurken wie ein handwerkliches Produkt mit jahrhundertealter Tradition und „besten natürlichen Zutaten“ verkauft. Ein Werbetrick, um höhere Preise für standardisierte Massenware zu erzielen. Das foodwatch-Fazit: Saure-Gurken-Zeit für die Liebhaber ehrlicher Werbung und handwerklich gefertigter Lebensmittel.

Ist das Fazit ein Fazit? Oder ist es nicht eher eine Meinung mit oberstudienrätinnenlegitimiertem Wortspiel? Und auch hier wieder dieser Neologismus, der einen fragen lässt, wo der Unterschied ist zwischen einem "Trick" und einem "Werbetrick". Außen Tradition? Wo? Außen ist nur Glas und Papier. Innen modernste Lebensmitteltechnologie? Ist das eine Lüge? Ist die verwendete Lebensmitteltechnologie vielleicht gar nicht die modernste? Vielleicht ist sie alt und das teure Zeug vergammelt schneller? Nein, das wird nicht moniert. Überhaupt ist nicht klar, was moniert wird. "Beste natürliche Zutaten", u.a. Wasser, Zucker, Salz (sind ja an sich nicht schlecht) können es ja nicht sein. Und es ist einfach gelogen, dass "Gewürzgurken wie ein handwerkliches Produkt mit jahrhundertealter Tradition" verkauft werden. Der Schreiberling halt sich wohl sehr lange in einer ganz besonderen Lake ... äh: Lage befunden, um auf so was zu kommen. Lustiger wäre es gewesen, man hätte sich auf das Wort "Töpfchen" fokussiert - immerhin ist das Glas so klein nicht, aber das scheint OK gewesen zu sein.

Ferdi Fuchs Mini-Würstchen von Stockmeyer
    „Ferdi Fuchs“, Stockmeyers salziges Mini-Würstchen für Kinder. Comicfiguren für die Kids, Gesundheitsbotschaften für die Eltern – das ist die Werbemasche des Herstellers. Doch die vitaminisierten „Ferdi Fuchs“-Würstchen fallen vor allem durch einen hohen Salzgehalt von 2 Gramm pro 100 Gramm auf, der bei der „Nährwert-Ampel“ mit einem roten Farbfeld gekennzeichnet werden müsste. Das foodwatch-Fazit: Statt von einem „täglichen Beitrag für die gesunde Ernährung“ müsste Stockmeyer eher von einem täglichen Beitrag zum späteren Bluthochdruck sprechen.

Nun, der tägliche Beitrag zum späteren Bluthochdruck kann auch von überengagierten Eltern kommen, die von ihrem Kind Bestnoten in der Schule sowie die fehlerfreie Beherrschung mindestens eines Instrumentes plus einer Auszeichnung in einem sportlichen Bereich verlangen. Aber für diese fühlt sich foodwatch.de wohl nicht zuständig. Warum auch die eigenen Klientel attackieren? Wäre ja unklug und wenn sie alles bei abgespeist.de sind, das sind sie nicht. Ganz im Gegensatz zu den anderen Eltern, die auf Comicfiguren und "Gesundheitsbotschaften" reinfallen. Wo ist die "Werbelüge"? Niemand bezweifelt, dass bei der Wurst nicht alles koscher ist, aber das sollte man dann auch expressis verbis benennen, damit auch mal n bisschen Fleisch auf das Argumentationsgerippe kommt.

Activia von Danone
    „Activia“, das probiotische Märchenprodukt von Danone. Weder eine Wunderwaffe gegen Verdauungsbeschwerden noch ein Garant für perfektes Darmwohlbefinden: Der Joghurt kann die Verdauung nicht mal eben regulieren, wie es Danone suggeriert. Selbst wenn sich bei manchen subjektiv ein besseres Befinden einstellen mag – das könnten sie mit Hausmitteln wie Trockenpflaumen, Weizenkleie oder einem Spaziergang sehr viel preisgünstiger haben. Das foodwatch-Fazit: Minimale Effekte, maximal aufgeblasen – und teuer verkauft.

Das ist eine ganz spannende Erklärung. Erst ist es ein "Märchenprodukt", aber keine "Wunderwaffe", kein "Garant für perfektes Darmwohlbefinden" (Was ist das? Darmwohlbefinden?). Auch eine "mal eben"-Regulierung der Verdauung wird dem Produkt abgesprochen, allerdings die Möglichkeit eingeräumt, dass " sich bei manchen subjektiv ein besseres Befinden einstellen mag". Ist das jetzt schlecht? Ist Befinden nicht immer subjektiv? Und das Unternehmen sagt ja nicht, dass es besser sei als die von foodwatch angegebenen Alternativen. Wo also ist die Lü ... äh ... die Werbelüge? Was kann danone dafür, dass Kreti und Pleti finden, dass Trockenpflaumen und Weizenkleie scheiße schmecken? Und das Fazit ist ja wohl ein Riesenlob für deren Marketingabteilung. Sollte es zutreffemn, schließen wir uns dem gerne an.

Milch-Schnitte von Ferrero
    „Milch-Schnitte“ von Ferrero, die Schoko-Sahnetorte für zwischendurch. Ferrero will der Milch-Schnitte mit Hilfe von Box-Weltmeisterin Susianna Kentikian und den Sportkletterern Alexander und Thomas Huber („Huberbuam“) ein sportliches Image verpassen. Der Werbeslogan lautet: „Schmeckt leicht. Belastet nicht. Ideal für zwischendurch.“ Tatsächlich jedoch besteht die Milch-Schnitte zu etwa 60 Prozent aus Fett und Zucker. Das foodwatch-Fazit: Wenn Milch-Schnitte leicht ist, ist so manche Schoko-Sahnetorte ein Diätprodukt – denn sie enthält prozentual wesentlich weniger Fett und Zucker.

Na endlich mal was Gutes in Sachen Begründung. Und ein guter Grund, die nächste Konditorei aufzusuchen. Oder haben wir da wieder was falsch verstanden? Allerdings verstehen wir diese Nominierung nicht unter dem Intro, wonach es ja um "Werbelügen auf Lebensmitteln" geht. Hier wird aber die werbliche Außendarstellung gerügt, die dem Produkt "ein sportliches Image verpassen" soll. Dabei ist das ja richtig clever von ferrero gemacht, denn genau diese Sportler haben kein Problem damit, wenn sie mal ein am Durchschnittskalorienverbrauch gemessenen Zuviel an Fett und Zucker zu sich nehmen. Das wird bei deren Training ganz sicher verbrannt. Wenn also jeder, der das isst, so viel trainiert wie die, wird trotz Milch-Schnitte zur Schnitte an sich.

Also, wie gesagt: Tolles Ansinnen, aber furchtbar schlecht kommuniziert.

5+

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