Statistiken II

Vor längerem haben wir uns schon einmal Statistiken angenommen. Aus gegebenem Anlass möchten wir das hier nochmal tun:

Vor kurzem hatten wir hier Lürzer’s Spot der Woche gepostet, der ein schreckliches Thema zum Inhalt hatte: häusliche Gewalt. Schrecklich. Furchtbar. Aber stimmt das auch? Gegen Ende des Spots heißt es, dass 65% aller Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, die Spuren verdecken. Da steht nicht, dass 65% aller britischer Frauen häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Das heißt: Wenn insgesamt in Großbritannien 200 Frauen geschlagen würden, würden das 130 Frauen kaschieren. Das wären 65% - und in abosluten Zahlen nicht wirklich viel, obwohl natürlich jede zuviel ist und die Zahl in absoluten Zahlen leider wesentlich höher liegt. Aber darum solles hier nicht gehen. Es geht ganz allgemein um die manipulative Kraft von Statistiken.

Statistiken, Statistik

Hier gewiss für eine gute Sache eingesetzt, aber auch hier gilt: Lesen hilft. Und oftmals ist das Interessanteste das, was nicht da steht. In dem Falle: eine Quelle. Es ist lediglich - und da sollte man bei aller Wut, Ärger und Betroffenheit nüchtern bleiben - die Aussage eines Interessensverbandes. Und dieser ist genauso kritisch zu sehen wie alle anderen auch. Manipulation allenthalben ...

Wer nun diesen Spot nur oberflächlich wahrgenommen hat (65%, englische Frauen, häusliche Gewalt), und dann weiter zappt, liest dann über britische Frauen in einem anderen Medium (bild.de), dass „fast jede zweite Britin einmal sexuelle Rollenspiele mit Handschellen ausprobieren (43 Prozent) und mit Augenbinden oder anderen Bondage-Accessoires wie Fesseln, Peitsche oder Leder-BH experimentieren (47 Prozent)“ möchte. (Ja, danke, wer kennen den Unterschied zwischen gegenseitigem Einvernehmen und einseitigem Einstecken.)

Auch das wird einfach so hinausposaunt und es bedarf schön Mühe, auch diese Statistik kritisch zu hinterfragen. Immerhin wird eine Quelle genannt: ein Dating-Portal namens seekingarrangement.com unter seinen 1,5 Millionen Mitgliedern. Das heißt: Das sind Antworten von Menschen, die andere Menschen für sich zu interessieren versuchen. Sprechen die also nur von sich oder hoffen sie, mit ihren Angaben attraktiver zu werden?

Warum sollte das stimmen? Die Fotos in solchen Portalen stimmen ja auch nicht immer so ganz, Männer sind nicht selten kleiner, Frauen nicht selten „größer“ und das eigene Einkommen wird dort gerne locker und klickediklick um 20% höher dargestellt. (So berichtet das bluewin.ch unter Berufung auf das Online-Portal «OkCupid».)

A propos 20%: „Jede fünfte Engländerin kommt ohne Höschen zur Arbeit.“ So steht es zumindest in dem Buch „8 out of 10 Brits“. Keine Quelle. Und auch zweifelhaft. Zuerst einmal kann es sich ja nur um berufstätige Frauen handeln. Und dann gibt es Arbeiten, die es ratsam machen, alle Maßnahmen zu ergreifen, die den Körper vor beispielsweise Wind und Wetter schützen, z. B. Gärtnerinnen. Was soll das nun heißen? In den Büros gehen sie alle "unten ohne"? Oder "Du hast Pech. Nur deine Kolleginnen tragen Schlüpper."

Wenn man solche Statistiken liest, fragt man sich unweigerlich "Where's the beef?"

A propos: Das bringt zur letzten Information über englische Frauen. Nach dem Ergebnis des EU-Statistikamts Eurostas ist fast jede vierte Frau in Großbritannien (23,9 Prozent) fettleibig, wie N24.de berichtet.

Was für ein Bild ergibt das denn jetzt?
Jede 4. ist fett, jede fünfte kommt ohne Höschen zur Arbeit und jede 2. hat Lust auf S&M. Und 2/3 überdecken die Spuren häuslicher Gewalt.

Finden Sie, dass das ein stimmiges Bild über "die englische Frau" zeichnet?

Bedenken Sie bei Statistiken immer: 85% entstehen ad hoc :-)
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