Vor- und Nachteile einer Positionierung

„Dass ich damit einen Lacher lande, war mir klar“, sagte die stellvertretende Pressesprecherin des OLG München, nachdem sie den Namen des letzten zum Verfahren gegen Beate Zschäpe zugelassenen Pressevertreters verlas: Brigitte.

Die Vergabe eines der begehrten Plätze an die Frauenzeitschrift sorgte dann auch auf Twitter für massig Kommentare. Die meisten davon machten sich natürlich darüber lustig, was natürlich wieder die Twitterspießer auf den Plan rief, die darin Sexismus witterten.

Ist natürlich dummes Zeug. Wären bei der Pressekonferenz „GQ“, „Men’s Health“, „kicker“, „auto motor sport“ etc. gezogen worden, hätte es ebenfalls Kommentare gegeben, die eine Verbindung hergestellt hätten zwischen dem „Ding an sich“ (Kant), also dem NSU-Prozess sowie der Markenkern des Printerzeugnisses. ("Die in Style", "Fit hinter Gittern - Das Lebenslänglich-WorkOut", "Rot für Braun" oder "Die neuesten Tuning-Tipps für Fluchtwagen")

Die Verantwortlichen dort dürften sich jedoch kaum um einen der zu vergebenden Sitze beworben haben. „Brigitte“ tat’s – und sie wurde gezogen.

Nun kann man sich natürlich fragen, warum sie das tat – und die Antwort ist einfach: weil sie es darf. Und damit tun sich die vor allem sogenannten „seriösen“ Medien, die nicht gezogen werden, schwer.

„Die Zeit“, die „FAZ“ sowie die „taz“ hatten im ersten Zulassungsverfahren einen Sitz – und nun das Nachsehen. (Gerade im Falle der „taz“ böte sich ja hier für den Staat die Möglichkeit, einen Uralt-Banner der Sponti-Szene umzudrehen: Statt Polizisten sähe man halt diesmal taz-ReporterInnen vor verschlossenen Türen mit dem Hinweis „Wir müssen leider draußen bleiben!“)

Live zugucken und berichten hingegen dürfen Vertreter von völlig, zumindest der großen Masse bzw. im Rahmen politisch-gesellschaftlicher Berichterstattung unbekannten Medien wie „EbruTV“, „Hallo München“, „Radio Arabella“ oder „Kabel1“. (Das sind gewiss die Momente, wo es den ZeitFaztaz-Redaktionen schwer gefallen sein dürfte, sich nicht wie eine von Heidi Klums laufenden Spargel aufzuführen, wenn sie "leider kein Foto" erhielte. ("Diiiiiiieeee? Aber ich bin doch viel besser als die. Die ist doch voll doof. Wie die schon spricht ..." etc.)

Zugegeben, zur Ernennung der Medien mit einem, sagen wir es vorsichtig: eher exklusiven Bekanntenkreis gab es mehr Entsetzen als Spott in den sogenannten „sozialen“ Medien, aber zum Spott fehlte den letztgenannten halt etwas, was wichtig ist für einen Witz: Charakter und Bekanntheit. (Den aber hat die Brigitte, also gab's da die Gags. Die Gags sind also kein Ausdruck von Sexismus, Pack, sondern Anerkennung!)

Dagegen spricht man denen, die man nicht kennt, (fast wie selbstverständlich) auch mal gleich eine gewisse Berichtskompetenz ab (Was für ein -ismus ist das?), wobei sich der Laie natürlich fragt, was am Zusammenfassen und Nachplappern so schwierig sein sollte. Schließlich hatte man selbst schon ab der 6./7. Klasse im Deutsch-Unterricht Nacherzählung. Als wäre wirklich wichtig, wer berichtet. Wichtig ist nur das Verfahren selbst.

Aber aus dem Gebaren kann man viel lernen - unter anderem über Marken und deren Führung.

Man sieht hier deutlich, wozu eine Positionierung führen kann. Und gewiss kann man sich in neue Terrains vorwagen, vor allem wenn es derart medial begleitet ist, um seine Bekanntheit zu erhöhen und gleichzeitig sein Angebotsspektrum erweitern.

Man stelle sich vor, „Cilit Bang“ brächte, eventuell im Rahmen einer Präsentation von Öko-Test, einen „Energy-Drink“ auf dem Markt.

Und ist das wirklich so abwegig? „Kaugummi“ und „Mundpflege“ waren ja auch mal ewig weit weg voneinander positioniert – und heute finden nur noch wenige, vor allem ältere Menschen ein Wort wie „Zahnpflege-Kaugummi“ in sich widersprüchlich.

Wer das sich aber auf ein solches neues Terrain wagt, muss auch entsprechend gewappnet sein. Der Brigitte-Redaktion wird wohl klar gewesen sein, was da kommen dürfte – und sie schienen vorbereitet. Im Gegensatz zu den vielen Twitterspießern nahmen sie es mit Humor und verwiesen bei Wortspielen rund um den Begriff „Gericht“ souverän auf Rezepte auf ihrer Website.

PR-technisch hat die Bewerbung dank des Losglücks perfekt funktioniert. Und auf den Gag-Storm schien man vorbereitet – und wird jetzt gewiss redaktionell nachlegen. (= Abverkauf) So kann man das machen. So kann eine Veränderung am Markenkern durchaus gelingen.

Eine Abkehr vom bisherigen wäre natürlich falsch. Zum Produktportfolio von „Cilit Bang“ würde gewiss auch weiterhin Reiniger gehören – und auch Brigitte wird weiterhin Schmink-Tipps haben.

Ich selbst sähe hier schon gerne ein Bild der Angeklagten, am liebsten unterschrieben mit „Da ist jeder Döner schöner!“

Aber soweit wird es wohl ebenso wenig kommen, wie dass ihr Transport ins Gefängnis live im Fernsehen zu sehen sein dürfte.

Falls doch, würde ich auch hier eine Vergabe exklusiv an ein Medium gutfinden. Aus Gründen der Objektivität und der Fairness wäre es gut, wenn ein ausländischer Sender, der bis dato nicht von dem Prozess berichtete, diese Rechte erhielte.

Dabei gibt es nur einen Sender, für den diese finale Phase maßgeschneidert wäre und optimal zur Steigerung seiner Markenbekanntheit passen würde – allein vom Namen her: ServusTV.



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