First World Problem: Slowenen im Bundestagswahlkampf

Sich über etwas aufregen, vor allem, wenn es etwas ist, worüber sich alle aufregen, und im Gefühl der Masse es wagen, sich über den Fehler bzw. das Missgeschick in bester Manier der Anonymen Feiglinge lustig machen, ist unser Ding nicht. Das überlassen wir der Schwarmpestilenz.

Das gleichzeitige Auftreten derselben radfahrenden Familie in einem Spot der NPD, der FDP sowie Rakhis, einem finnischen Quark, sorgt natürlich für Spott - auch vom politischen Gegner, der diesmal sogar zumindest einem Büroleiter eines Grünen-MdB gelungen ist:



Aber wie mein Sohn dies zu nennen pflegt: "First World problem", denn wie wurscht ist das denn? (Und wenn dem so wäre, wäre es ja wahrlich nicht schlecht. Nur stimmt es halt nicht. Macht aber auch nichts, schließlich entfaltet ein Gag ja gerade durch den Mangel an absoluter Wahrheit seine jokulatorische Wirkung.)

Niemand nimmt das groß wahr. Außer Markus Brendel. Kennen Sie nicht? Er ist Geschäftsführer der Werbeagentur "Die Wegmeister" in Stuttgart. Kennen Sie auch nicht? Macht nichts. Google hat ihn auch nicht in den TopTen. Oder muss man sagen: noch nicht?

Denn dank des Artikels in der Süddeutschen über diesen Vorfall (Wir überlassen es Ihrer inneren Aufgeregtheit, ob sie es "Panne", "Skandal" oder eben "First World problem" nennen wollen) kennt man zumindest seinen Namen.

Dieser Artikel führt weiter aus: "Beim nächtlichen Studium von Werbespots fiel ihm die Szene auf."

Na, wenn das mal keine super PR ist. Was um alles in der Welt ist "nächtliches Studium"? Wer vergleicht Werbespots von Parteien jetzt, wo sie doch abgedreht sind?

Gut, es sollte die Agentur machen, die mit der Entwicklung oder dem Monitoring solcher Spots beauftragt ist. Am besten aber tagsüber. Sie würde eine solche Koinzidenz aber wohl eher nicht publik machen, sondern korrigieren, was ja nicht die Welt ist, schließlich gibt es in den Datenbanken mehr als eine Familie beim Fahrradausflug zu begähnen.

Und alle Welt macht sich jetzt über die FDP lustig. Einen logischen Grund dafür gibt es nicht, allerdings einen finanziellen. Überschrift -> Auflage -> Umsatz.

Viel spaßiger ist es doch, dass diese radfahrenden Familie in einem Spot der NPD auftaucht, denn diese Aufnahme zeigt eine slowenische Familie. Oder ist das deren subtile Form, dass sie auch Ausländer integrieren können?

Hier die vermeintliche Quelle (ab 0:40):



In dem Spot der FDP tritt sie auf bei 1:19 (und eigentlich völlig sinnentleert):



In dem Spot der NPD tritt sie auf bei 1:07 (genauso sinnentleert, wobei hier besonders lustig ist, dass der sächsische Fraktionsvorsitzende kurz zuvor "Schluss mit osteuropäischen Billiglöhnern" fordert, und ZACK kommen die Slowenen isn Spiel, äh: Bild):



Bei den Finnen spielt die Familie wenigstens die Hauptrolle (Fürs Video bitte aufs Bild klicken):

Hier sieht man aber ein schönes, weiteres Detail, was eigentlich ein Ausschlusskriterium für die Verwendung dieser Szene in einem Spot für ein deutsches Publikum hätte sein müssen. Vater und Mutter haben einen Fahrradhelm, sogar mit, tragen ihn aber nicht - also nicht auf dem Kopf, sondern er baumelt bloß am Lenker.

Klar: First World problem, aber haben wir andere? Und dafür haben wir doch auch irgendwo irgendeine Beauftragte? Wo ist sie? Wo ist der mediale Aufschrei nach Vorbild? Wo die Unterlassungsklage? Einstweilige Verfügung? Nichts.

OK, zur FDP mag das passen, suggeriert das doch "Risikobereitschaft" und die Chance auf Versicherungsbetrug (im Unfalle kann man ja dann immer noch sagen, man habe ihn auf dem Kopf getragen), aber normalerweise ist man hierzulande auch wegen weniger mehr gewohnt. Stichwort: Werberat.

Wie dem auch sei: Diese Koinzidenz ist gut für Werbeagenturen. Haben Sie doch ein super Argument gegen die Verwendung von Bild- und Fotomaterial aus Bilddatenbanken und können nun wieder ihren Haus- und Hoffotografen (mit interner Kick-Back-Vereinbarung) verkaufen. Ob diese Bilder dann aber wirklich mehr bieten, außer halt Einzigartigkeit in der Aufnahme, oder einfach nur mehr kosten (ohne eben mehr zu bringen)?

Der Zweifel ist der Vater der Erkenntnis - und nicht, lieber Publikationspöbel, der Hohn.
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