Die Unsterblichkeit des Markenkerns

Aktuell erfreuen sich zwei Spots des dänischen Reiseveranstalters Spies Rejser großer Beliebtheit im Netz, denn er hat alles, was im Netz interessiert: Sex, Sport, Reisen, Geld - und handelt damit auch zwangsläufig irgendwie von Muschis und Hunden, zumal auch ein "Dackel" auftritt - und witzig ist das Ganze auch noch.



Nun, bevor von den nach 1980 Geborenen wieder der dämliche Einwurf kommt, warum es etwas Derartiges nicht von deutschen Firmen gibt, der kann ja mal seine Großeltern, inzwischen wohl besser: Urgroßeltern fragen, was ihnen der Satz "Kinder für den Führer" sagt. Denn sie kennen bestimmt noch den "Lebensborn", ein von der SS getragener, staatlich geförderter Verein, dessen Ziel es war, auf der Grundlage der nationalsozialistischen Rassenhygiene und Gesundheitsideologie die Erhöhung der Geburtenziffer „arischer“ Kinder herbeizuführen. Und auch außerhalb dieses Vereins gab es nach Ansicht von Himmler, des Chefs der SS, die »Pflicht« einer jeden deutschen Frau, Reich und Führer Kinder zu schenken.Man kann sich also vorstellen, was hierzulande los wäre, wenn wer eine derartige Kampagne fürs Kinderkriegen machen würde - und das, obgleich sie hierzulande rein faktisch aus den in dem Spot genannten Gründen ebenso geboten wäre.

Diese Gefahr besteht für "Spies Rejser" steht, was nicht nur damit zu tun hat, dass sie aus Dänemark kommen, dem Land der immer noch geilsten ÖPNV-Werbung der Welt, sondern den Namen eines ganz besonderen Zeitgenossen des 20. Jahrhundert in sich trägt: Simon Ove Christian Oglivie Spies.

Er gründete das Unternehmen 1956 und bot als erstes günstige Bus-/Schiffsreisen nach Mallorca an. Anfang der 60er kaufte er die bankrotte Fluglinie "Flying Enterprise" auf und machte daraus "Conair of Scandinavia."

Bis dahin klingt das noch alles recht normal. Das trifft aber so gar nicht auf seinen Lebenswandel zu, der mit extravagant-hedonistisch nur sehr mangelhaft beschrieben ist. Dazu zählten unter anderem morgenbolledamer, also Damen, die morgens für bolle zuständig sind. Hierzu ist es ganz hilfreich, wenn man weiß, dass bolle sowohl Brötchen heißen kann als auch ficken.



Doch damit nicht genug. Anfang der 70er Jahre tat er sich mit Mogens Glistrup zusammen, der 1972 die Fremskridtspartiet (Fortschrittspartei) gründete, die 1973 als zweitstärkste Fraktion ins dänische Parlament einzog, wo sie von ihm 1973?1983 und 1987?1990 vertreten wurde.

Landesweite Bekanntheit erhielt er bereits am 30. Januar 1971, als er live im dänischen Fernsehen das Zahlen von Steuern für unmoralisch erklärte und die Ansicht vertrat, Steuerhinterzieher würden ebenso patriotisch handeln wie die Eisenbahnsaboteure während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg, und als großer Patriot zeigte er dann seinen Steuerabschluss vor - mit einem Lohnsteuersatz von 0 Prozent.

Auf die Frage, was er als Verteidigungsminister machen würde, schlug er vor, das dänische Militär abzuschaffen und durch einen Anrufbeantworter zu ersetzen, der in allen Weltsprachen „Wir ergeben uns“ melden sollte. Das spare bares Geld und im Ernstfall Menschenleben, weil Dänemark ohnehin nicht verteidigungsfähig sei.

Dieser Radikalität nahm mit den Jahren nicht ab, nur brachte sie ihm weniger Applaus und Lacher ein, dafür Haftstrafen wegen Steuerhinterziehung sowie Geldstrafen, denn auch sein Verständnis von Patriotismus wurde über die Jahre und Jahrzehnte nicht milder. 1999 erklärte er: Natürlich bin ich Rassist – das sind alle guten Dänen. Man ist entweder Rassist oder Landesverräter.“

Direkt nach seiner Haftentlassung 1985 gab es bereits die erste Geldbuße für "Alle Muslime sind zum heiligen Krieg gegen die Ungläubigen erzogen worden." 2005 verbüßte er eine 20-tägige Haftsrafe für „Die Anhänger Mohammeds sind nach Dänemark gekommen, um die Dänen aus ihrem Vaterland zu vertreiben”.

2008 starb er in der Lyngby-Taarbæk Kommune, wo sich unter anderem auch der Sommersitz des dänischen Ministerpräsidenten befindet. Damit überlebte er Simon Spies um ganze 24 Jahre.

Die beiden waren ein so ungleiches wie unwirkliches, aber doch reales Paar, das 2013 auch Einzug in die Kinos hielt. Ihr gemeinsamer Werdegang wurde in dem Film "Spies & Glistrup – Sex, Drugs & Taxation" festgehalten und war einer der großen Erfolge auf dem Filmfestival Heidelberg-Mannheim:



Also wenn man sich das mal alles so sieht, wirken die Videos vielleicht gar nicht mal mehr sooo lustig. Sind sie trotzdem. Und die Idee ist ja nicht falsch. Also, äh ... Schönes Wochenende ...


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Kommentare

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Moritz Bauer:

Ej, hvor er det sjovt :-)

Warum sehen wir so was nie im deutschen Fernsehen? Geile Kampagne. Werde ich mir ein Rädchen von Abschneiden für mein nächstes YouTube Video! Danke für den Artikel!
18:50

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